Happy Hour: Oder: Kleine Gedankenspiele zwischen der Unendlichkeit des karibischen Lebensgefühls und der Endlichkeit des Kölner Karnevals (WehrWolter ww 287 – Hans Wolter)

Wir sitzen gerade auf unserer Strandliege am Cabarete-Beach und ich mache mir krumme Gedanken darüber, wieso die Menschen hier in der Dominikanischen Republik irgendwie leichter leben, als wir in cOld Germany. Sie lachen mehr als bei uns zu Hause und scheinen auch weniger streng mit sich selbst und dem Leben an sich umzugehen. Nun bin ich als Urkölner auch weniger streng mit mir und dem Leben, aber hier lebt es sich noch spürbar lockerer. Natürlich ist man schnell bei Sonne, Meer und Wetter. Aber ich versuche die Dinge gerne immer noch ein wenig tiefer zu verstehen.

Ich vermute, in der Karibik kommt noch etwas Entscheidendes dazu. Jeder Tag ist hier irgendwie gleicher als bei uns. Die Sonne geht immer um halb sieben auf und um halb sieben unter. Die Temperatur ist auch verhältnismäßig gleichbleibend. Es gibt hier also nicht die Alltagsstrukturierung durch die Jahreszeiten. Die Natur führt einem hier nicht das ewige Stirb-und-Werde vor. Es gibt lediglich einige Monate in denen es mehr als in anderen stürmt. Aber übers Jahr verteilt ist hier nahezu jeder Tag wie der andere. Heute ist zwar der zweite Advent und ab und zu sieht man auch Weihnachtsdekoration, aber nach unserem Empfinden ist hier einfach dauerhaft Sommer. 

 Karibik

Unbegrenzter

Jetzt frage ich mich, was das mit einem Menschen macht. Hat der Einheimische hier nicht viel weniger das Gefühl, dass sein Leben endlich ist? Gut, der ältere Mensch wird auch hier merken, dass sein Körpergefühl sich verändert. Hier und da schmerzt es, nicht mehr alle Dinge, die mal möglich waren, sind jederzeit unbeschwert ausführbar. Und dennoch fehlen meiner Meinung nach wichtige Markierungspunkte im fortlaufenden Zeitkontinuum.

Karibik Lebensgefühl 5

Lässig

Ich glaube, dass das dazu führt, dass hier die Menschen mehr im Hier-und-Jetzt leben. Das erklärt mir auch die Lässigkeit des Personals an der hiesigen Bar der Villa Taina. Seit Tagen gibt es hier keinen Mojito, obwohl er auf der Karte steht und zu den beliebtesten Cocktails bei den Gästen zählt. Die Minze ist ausgegangen. Wir, durchaus zahlungswillige Gäste, werden jeden Tag aufs Neue vertröstet. Allerdings erkenne ich keinen echten Leidensdruck beim Personal. Sie sind durchaus freundlich, vermitteln mir allerdings das beneidenswerte Gefühl eines Kommste-heut-nicht-kommste-Morgen. So war das hier auch vor einigen Wochen mit der Webcam, über die sich potentielle Hotelgäste in Übersee täglich den Strand anschauen können. Die Kamera war kaputt und es dauerte geschlagene drei Wochen, bis ein Ersatz aus der Hauptstadt hier eintraf. Das hat weniger damit zu tun, dass man hier nicht organisieren oder improvisieren könnte. Ich sehe hier eher ein anderes Lebensgefühl am Werk. Nichts ist so wirklich wichtig, nichts hat gefühlt so viel Konsequenz, dass man sich dafür ein Bein ausreißen würde.

 Karibik Lebensgefühl

Heute ist es schön

Es ist allerdings auch nicht so, als wären hier die Menschen faul. Sie scheinen nur ein anderes inneres Maß zu haben. Franz, ein österreichischer Auswanderer, betreibt hier seit vielen Jahren ein kleines Fischrestaurant. Wir werden ihn heute wieder aufsuchen. Der Fisch ist köstlich, allerdings könnten die Tische durchaus besser besetzt sein. Meine Vorschläge für andere Internetauftritte winkt er überlegen lächelnd ab. Der Umsatz reicht ihm aus, um mit seiner Frau über die Runden zu kommen. Als ich ins Schwärmen geriet, was man hier mit den preiswerten Arbeitskräften alles umsetzen könnte, machte er mich auf eine andere Tatsache aufmerksam. Ja, die Menschen arbeiten hier teilweise zu einem vergleichsweise recht geringen Stundenlohn. Man wüsste allerdings nie, ob sie morgen wieder zur Arbeit kämen. Vielleicht hat ein Arbeiter auf einer Baustelle so viel verdient, dass er am nächsten Tag einfach in der Sonne liegen bleibt, gut trinkt, isst und sich vielleicht ein neues kleines Motorrad kauft. Wird das Geld dann wieder mal knapp, kommt er wieder oder geht sich woanders eine Tätigkeit suchen.

Karibik Lebensgefühl 2

Gestern hat mir ein Hierlebender gesagt, dass sich in den letzten Jahren aber auch Veränderungen abzeichnen. Die Menschen fangen an, mehr haben zu wollen und wirken teils auch unzufriedener. Allen reicht nicht mehr ihr kleines Motorrad. Manche wollen schon größere Autos haben, die hier allerdings durch die Inselsituation noch viel teurer als bei uns sind. Internet und Globalisierung machen auch hier nicht Halt. Sie gehen in den kleinsten Winkel der Welt und machen Ungleichheit transparenter.

Karibik Lebensgefühl 4

Was ist Morgen?

Was ist nun besser: Das Leben im Hier-und-Jetzt oder ein ängstliche aufschiebendes Haushalten für eine herbeigesehnte Zukunft?

Gerade fällt mir eine Geschichte von Prometheus ein, die ich gerne kurz erzählen möchte, weil sie irgendwie weiterhelfen könnte. Bisher hatte ich immer gedacht, dass er uns Menschen das Feuer gebracht hatte. Das stimmt auch. Aber vor kurzem erfuhr ich auf der psychoanalytischen Weiterbildungstagung „Rebellion gegen die Endlichkeit“, dass er den Menschen auch das Wissen um ihren eigenen Todeszeitpunkt genommen hatte. Es gab wohl nach der griechischen Mythologie eine Zeit, in der jeder Mensch genau wusste, wann er starb. Da Prometheus allerdings beobachtet hatte, dass die Menschen zu passiv waren, nahm er ihnen diese Gewissheit und Klarheit über ihre Zukunft. Und siehe da, sie wurden wieder aktiver. Vielleicht weil sie das Gefühl bekamen, Anstrengung würde sich mehr lohnen. Wer dieses Bild übrigens zu konkretistisch auslegt, kann auch mit den Bildern der Bibel nichts so richtig anfangen.

Karibik Lebensgefühl 1

Das rechte Maß zwischen Angst und Sorglosigkeit

Hilft diese kleine Geschichte weiter? Mir schon. Ich würde nun insgesamt zu dem Schluss kommen, dass wir das rechte Maß zwischen Angst und einer lockeren Sorglosigkeit brauchen, um unser Leben hinreichend gut genießen zu können. Jetzt fällt mir gerade noch der schnellste Mann der Welt ein. Zu Usaine Bolt habe ich ja auch schon einiges geschrieben. Den Erfolg des Jamaikaners erkläre ich mir aus seiner einmaligen Mischung zwischen Lässigkeit und einem hoch konzentrierten Auf-den-Punkt-Kommen.

Karibik Lebensgefühl 3

Fazit: HAPPY HOUR

Ich versuche aus der Karibik ein wenig der Sorglosigkeit des Lebens Im-Hier-und-Jetzt mitzunehmen und dies mit meiner Fähigkeit zum leidenschaftlichen Zuspitzen zu verbinden. Die Fusion aus Lebensfreude und Zeitgefühl verdichtet sich für mich in dem Bild der HAPPY HOUR. Das Glas ist für ein gewisses Zeitfenster überschwänglich voll. Damit lassen sich dann auch leere Zeiten dazwischen aushalten. Karneval in Köln und Rio sind auch nur dann überschwänglich lebensfroh möglich, indem wir den Aschermittwoch diffus immer  mitbedenken.

Salber Nachruf

Weiterlesen?

Von Usain Bolt lernen: Leben zwischen Lässigkeit und punktgenauer Höchst-Präsenz – Dabeisein, aber richtig, bei unserer persönlichen Olympiade – Leben ist eigentlich gar nicht so schwer und Zeit ist relativ. Usain rät uns: „Genießt was ihr tut!“-(WehrWolter – ww 181 – Hans Wolter)

Wasserfälle Titel

Angst vor Fremdem mit Mut und Vertrauen ins Leben begegnen & wachsen – Unsere Tour durch die 27 Wasserfälle von Damajagua – Dominikanische Republik – (WehrWolter – ww 286 – Hans Wolter)

 

Karibik Lebensgefühl Titel

6 Kommentare

  1. Ingrid Muthui

    Kleinbusse hier in Kenia Matatu genannt, meide ich. Das Gerücht macht die Runde, dass einige Fahrer über den Durst trinken. Eine Reise mit dem Bus, erscheint mir sicherer. Mütter tragen ihre Kleinkinder in einem Tuch am Rücken und schleppen volle Tüten. ‭ ‬Es ist heiß,‭ ‬es stinkt vom nahen großen Müllhaufen am Busbahnhof gen Himmel.‭ ‬Ein Mann sucht auf ihm nach Verwertbarem,‭ ‬vielleicht nach einem Paar Plastiklatschen oder einem Autoreifen‭? ‬Sie suchen nach Verwertbarem. ‬Erscheint der Gestank und die Menge an Müll zu groß,‭ ‬dann wird er angezündet.
    Nach dem die Reisenden nach einer längeren oder auch kürzeren Wartezeit ihre Sitzplätze im Bus eingenommen haben,‭ ‬beginnt die Hausse der fliegenden Händler.‭ ‬Mit lauten Rufen bieten sie den Fahrgästen ihre Seifen, Waschmittel, Bananen und Maiskolben an und die Schlange der Verkäufer,‭ ‬scheint kein Ende zu nehmen.‭ ‬Nur mit dem energischem Rausschmiss des Fahrers,‭ ‬sind sie kurz vor Abfahrt zum Aussteigen zu bewegen.
    Diese beginnt stets erst dann,‭ ‬wenn auch der Mittelgang voll mit Fahrgästen ist. Der Fahrkartenverkäufer kaut sich das Leben schön und stopft sich immer wieder neues Grünzeug von Miraa in seine Wangen.‭ ‬Seine zerkauten Klumpen spuckt an der Haltestelle‭ ‬aus und‭ ‬mit einem teilnahmslosen Blick,‭ ‬verkauft er uns weiter seine Fahrkarten.
    Anfangs wunderte ich mich,‭ ‬warum sich die stehenden Fahrgäste im Mittelgang unter der Fahrt bücken, so dass sie nicht mehr zu sehen sind.‭ ‬Der Grund ihres Versteckens,‭ ‬sind die von mir liebevoll genannten modernen Raubritter, die Polizisten. Falls ihnen Busse überladen erscheinen besteht kaum die Chance, ungeschadet weiter fahren zu dürfen.
    In dem unteren Raum des Busses befindet sich bei uns das Reisegepäck doch hier,‭ ‬kann er voll mit Hühnern oder‭ ‬Ziegen sein.‭ Bei der Fahrt scheint‬ sich für mich der Gang der Uhr zu verlangsamen.‭ Bei ‬den meisten Busfahrten gelingt mir die Begegnung mit dem afrikanischen Zeitverständnis und meinem europäischen Kopfdenken,‭ ‬recht schlecht.‭ ‬Meine Gedanken eilen oft voraus wo wir denn schon sein könnten,‭ ‬wenn wir nicht immer wieder aus für mich unerfindlichen Gründen, zum Halten gezwungen werden? Als ich meine kleine Tasche in die über den Sitzreihen vollgestopfte Gebäckablage lege erschrecke ich,‭ ‬da lautstark ein Huhn seinen Besitzanspruch anmeldet.‭ ‬Der Bus gewinnt an Fahrt, scheint die nächste Haltestelle so schnell als möglich erreichen zu wollen,‭ ‬um nach etwa drei Kilometern wieder anzuhalten.‭ ‬Ich kann beim besten Willen keinen Grund für das Anhalten und die lange Verzögerung erkennen.‭
    Und dann ist da die andere Stimme in mir:‭ „N‬un gib schon Ruhe,‭ ‬es wird sicher gute Gründe geben, welche du nur nicht erkennen kannst.“‭ ‬Wenn ich in die Gesichter der Mitreisenden sehe,‭ ‬kann ich nicht den kleinsten Hauch von Verärgerung erkennen.‭ ‬Wie immer bleiben sie geduldig und gelassen,‭ ‬was mich noch mehr verärgert.‭ ‬Es scheint mir,‭ ‬als haben sie die Zeit und ich die Uhr.‭ ‬Etwas ungeduldig von Natur aus und durch die Hitze vermutlich besonders‭ ‬reicht es mir und ich frage meinen Nachbarn:“‭ O‬b sie vielleicht noch auf den Präsidenten warten‭?“ ‬Kaum sind mir diese Worte herausgerutscht,‭ ‬sehe ich ihn vermutlich vor Ärger fast unter seinem Sitz verschwinden. Bis zum Ende dieser Fahrt, bestraft er mich mit anhaltendem Schweigen.‭ ‬Ich nehme mir vor,‭ ‬dass sich bei mir zukünftig eine Tugend einstellen möge,‭ ‬die ich schon länger vernachlässigt hatte. Die Geduld die mich geprägt durch meinen schnelleren Alltag in Europa, verlassen hat. Vielleicht hatte ich einen zu großen bunten Luftballon,‭ ‬voll-gepackt mit Vorstellungen und Abendteuerlust aus mitgebracht‭? Es gibt Momente, da sehne ich mich nach neuen Eindrücken um zu fühlen ob es sich so anfühlt, wie ich es mir vorstelle. Wie wenig ist es so, wie es ist. Aber das ist alleine mein Problem.

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    1. Danke Ingrid für die toll beschriebenen Einblicke in Deine kenianischen Busabenteuer. Beim Lesen bin ich gerade ein Stück mitgefahren.

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  2. Hallo Herr Wolter,

    mit Begeisterung lese ich ihren Blog.

    Zu diesem Thema fällt mir spontan das Wort Sicherheit und Bedürfnisse ein. Wenn ich mir sicher bin,dass ich jede Tag genug verdiene um über die Runden zu kommen und den gleichen Standard wie mein Nachbar habe, warum soll ich dann jeden Tag arbeiten wenn ich an einem Tag genug für 5 Tage verdiene.

    Gemäß unserem Wirtschaftsdenken eine Katastrophe. Nichts ist planbar und steuerbar.
    Deshalb ist es doch logisch auch im Paradies Bedürfnisse zu wecken. Den Apfel des Adam tauscht man mit dem Bedürfnis nach einem schicken Auto. So wird die Leichtigkeit verschwinden, Konkurrenzdenken und Umweltprobleme wachsen und die Protagonisten aus dem Paradies vertrieben. Manchmal ist Unwissenheit einfach leichter und besser.

    Schönen Urlaub noch.

    Freundliche Grüße

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    1. Herzlichen Dank liebe Brigitte Kräussling!

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  3. Gitta Hellige

    Ich habe die Ausführungen mehrmals gelesen, verinnerlicht und muss sagen, dass hier nicht nur ein Lebenskennender unser Dasein analysiert hat, sondern an Hand von Fakten das Leben verschiedener Kulturen mir nähergebracht hat. Dadurch haben sich meine Sichtweisen verändert und gratuliere zu diesem Beitrag. Die Seite ist sehr informativ.

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    1. Herzlichen Dank liebe Gitta,

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