Der Bus ist voll. Wer bestimmt die Obergrenze? Gedanken- und Bilderreise: samstags in Puerto Plata (WehrWolter – ww 288 – Hans Wolter)

In meinem heutigen Beitrag möchte ich ein kleines Abenteuer mit einigen großen persönlichen Gedankensprüngen beschreiben. Das Stück spielt in unserem aktuellen Urlaub in der Dominikanischen Republik und wird mit realen Fotos und Filmausschnitten unterlegt. Ausgehend von einer nicht alltäglichen Busfahrt, mache ich mir Gedanken über das unterschiedliche Funktionieren von sozialen Gemeinschaften. Hierbei vergleiche ich unterschiedliche Wert-Vorstellungen aus meiner subjektiver Wahrnehmung, der Perspektive eines weitgereisten Deutschen. Was uns wichtig im Leben ist, ist nicht unbedingt gleich. Wobei es auf der tieferen Überlebensebene sicher mehr Gleichheit auf der Welt gibt, als wir vielleicht zunächst vermuten würden. Nach einem gedanklichen Streifzug durch verschiedene aktuelle Erscheinungen wie: Beziehung, Erziehung, Flüchtlingskrise, Weitergabe von Traumatisierungen, bei uns auch noch aus der Zeit des Nationalsozialismus, der Forderung von Obergrenzen, der Tendenz zum Kreisverkehr, Sinn und Unsinn von Phobien und den Folgen einer immer transparenter werdenden Welt-Gemeinschaft bei auseinanderdriftender Werte-Gemeinschaft, lade ich zu einer Bilderreise durch einen ganz normalen Samstag in Puerto Plata ein.  

Puerto Plata Bus wir

Die gemeinsame Reiseerlebnisspanne von Meike und mir erstreckt sich aktuell auf genau 40 Jahre! Begonnen hat es 1977 auf dem Sommerlager im kalabrischen, süditalienischen Städtchen Pizzo.  Wir haben uns damals in der sehr reiselustigen Pfadfindergruppe mit dem aussagekräftigen Namen „Globetrotter“ kennengelernt. Ich war schon 18, ließ mir gerade meinen Vollbart sprießen, der seitdem nicht mehr von mir gewichen ist. Für die 14jährige Meike war es die erste Gruppenfahrt. Dann wurde ich ihr Gitarrenlehrer. Ein richtiges Paar sind wir erst 1988 geworden. Zusammengezogen, 1992 geheiratet und uns 1995 & 1998 eine eigene Gruppe in Form von Familie gegründet. Jetzt sind die Kinder aus dem Haus. Wir haben viele Reisen gemeinsam mit unseren Kindern gemacht und reisen immer noch. Seit 40 Jahren also, haben wir viele, viele Länder und Kontinente gemeinsam bereist und sind immer schon lieber mittendrin als nur dabei. Das heißt, wir sind so oft es geht, auf eigene Faust unterwegs. Finden immer noch Pfade, jenseits der vorgefertigten Touristenlaufwege. Dabei treffen wir alte, finden wir neue Freunde. Offline und Online knüpft sich ein Netz über viele Länder und Kulturen.

Puerto Plata Bus a

Auf der Suche nach Nähe zu Land und Leuten wählten wir für unseren Tagestripp nach Puerto Plata den für Touristen unüblichen Guagua. Diese kleinen Busse sind bevorzugtes Verkehrsmittel der Einheimischen für längere Strecken. Kürzere Entfernungen legt man hier gerne auch auf der Sitzbank eines kleinen, aber starken, Motorrades zurück. Da sitzen auch schon mal drei bis vier Personen mit ihren Einkäufen auf der kleinen schmalen Sitzbank. Nicht selten eine schwere Gasflasche unterm Arm.

Puerto Plata Motorrad a

Der gemeine Dominikaner orientiert sich, wie der Leser sich schon denken kann, weniger an Sicherheit und Vorschriften, mehr an den Notwendigkeiten der jeweiligen Lebenssituationen. Unser Guagua hat fünf Sitzreihen mit jeweils drei Plätzen und einem kleinen Gang. Wir sitzen in der letzten Reihe und können uns das Schmunzeln nicht verkneifen, wenn sich die kleine FahrGemeinschaft von Halt zu Halt stetig durchmischt und weiter vergrößert. Samstags wollen eben viele in die größte Stadt des Nordens. Mehr Frauen als Männer. Mann fährt wohl lieber auf knatterndem Zweirad.

 

Immer wieder reißt der Schaffner die Schiebtür auf, um weitere Mitreisende aufzunehmen. Natürlich verfolgt er mit den hohen Besetzungszahlen auch das Ziel seinen Pesetenschnitt zu steigern.Ich zähle bereits 27 Personen. Natürlich gibt es keine Klimaanlage und der direkte Körperkontakt von beiden Seiten sorgt für weitere Ein- im Sinne von Tuchfühlung sowie Temperaturanstieg. Durch die Brett-Überbrückung des Ganges können gerade noch alle Leute sitzen. Die Stimmung ist gut. Die Enge amüsiert. Nicht nur uns. Irgendwie breitet sich ein nahezu kindlicher Ehrgeiz aus, die Zahl der Mitreisenden rekordverdächtig weiter hochzuschrauben.  Die schwangere Frau mit ihren zwei kleinen Kindern passt noch rein, wenn sie auf jedes Knie ein Kind nimmt. Das größere kümmert sich dann im weitere Verlauf um das kleinere. Sie sitzen direkt neben mir und mustern mich mit neutral prüfendem Gesichtsausdruck. Mein Lächeln erwidern sie nicht unbedingt. Das wirkt auf mich nicht abweisend, eher erstaunlich selbstbewusst für das Alter. Zwanzig Minuten später passen auch noch die vier jungen Männer rein, da sie bereit sind zu stehen. Natürlich steigen zwischendurch immer mal wieder welche aus. Der Schaffner hilft jedem selbstverständlich über die Schwelle. Dem alten Opa, wie der jungen Frau. Hier erlebe ich ihn sozial verantwortungsbewusst.

Puerto Plata Bus i

 

In diesem Moment ist es mir klarer denn je: Wir Menschen sind Herdentiere! Wir leben in Gemeinschaften und organisieren uns, zunächst einmal: sozial achtsam. In diesem Bus reguliert sich die Solidargemeinschaft nicht nach körperlichen oder mentalen Überlegenheiten. Meike und ich, wir fühlen uns als einzige Nichteinheimische hier wohl. Irgendwie auch selbstverständlich integriert. Weder bevorzugt, noch benachteiligt. Schon gar nicht ausgegrenzt. Natürlich wird registriert, dass wir anders sind. Man lässt es uns aber nicht spüren. Wir fühlen uns zugehörig in diesem insgesamt einstündigen gruppendynamischen Prozess.  

Unterwegs denken wir darüber nach, wie die gleiche Szenerie sich in Deutschland entwickeln würde. Zunächst einmal gäbe es aus Kostengründen sicher keinen Schaffner. Der Fahrer würde nur an vorgesehen Stationen halten und wohl auch nicht zum Zusammenrutschen aufmuntern, sobald die vorgesehenen Plätze besetzt wären. Spielen wir mal eine Szene durch, in der ein Fahrer anders, als bei uns typisch, handeln und sich für das Weiterkommen der am Straßenrand Stehenden verantwortlicher fühlen würde, als für den Komfort der Mitreisenden. Vermutlich würde es nicht lange dauern, und einige Passagiere beständen darauf, dass sie durch ihre Bezahlung das Recht auf einen vollständigen Sitzplatz hätten. Die Stimmung im Bus würde vermutlich mit jedem überzähligen Neuankömmling aggressiver.

Puerto Plata Bus g

Mir geht es bei meinen Überlegungen nicht um eine Kritik unserer Sicherheitsstandards oder unserer  Strukturierungsfähigkeiten sowie Ordnungskompetenzen in Deutschland. Eher ist es mir wichtig darauf hinzuweisen, dass es bei uns eine Dynamik gibt, welche Form, Regeln und Ordnungskriterien so hoch ansetzen, dass dabei der Mensch zunehmend übersehen werden kann. Nach meiner Alltagsbeobachtung nimmt diese Tendenz durch das Fortschreiten der Digitalisierung noch weiter zu. Uns stehen immer weniger menschliche Anspruchspartner gegenüber. Stattdessen verbringen wir immer mehr wertvolle Lebenszeiten in telefonischen Warteschleifen, virtuellen Hinhaltungen ausgesetzt. Verpassen wir heutzutage einen Termin auch nur gering, kann das harte Konsequenzen haben, weil keine menschliche Empathie die Situationen bewertet und einschätzt und die Juristen angstverbreitend und geschäftstüchtig weiter auf dem Vormarsch sind. Maschinen und Rechtsausleger kennen kein Pardon.

 

Es gab natürlich immer schon Menschen, die nahezu wie Maschinen funktionierten. Deutschland steht hierbei gewiss auf den oberen Plätzen. Mich fröstelt es immer wieder, wenn mir Menschen in meiner Praxis begegnen, die noch mit den pädagogischen Idealen nationalsozialistischer Erziehung konfrontiert wurden. Wenn Eltern eher Angst hatten, ihre Kinder zu verwöhnen oder „kleine Tyrannen“ heranzuziehen und dabei teilweise brutale Haltungen einnahmen. Besonders tragisch empfinde ich hierbei die Tatsache, dass sie tatsächlich glauben, ihren Kindern etwas Gutes zu tun. Hierbei meine ich weniger körperliche, als seelische Gewaltausübung. Hier wurden beispielsweise Kinder nachts solange schreien gelassen, bis sie vor Erschöpfung aufgaben. Oder sie wurden solange vor ihren Tellern sitzen gelassen, bis diese gelehrt waren. Wenige wissen, dass sich viele Kinderärzte noch bis in die siebziger Jahre hinein an einem Buch zur kindlichen Entwicklung orientierten, das die Ärztin Johanna Haarer im Auftrag Hitlers in den 30er Jahren geschrieben hatte.

(Johanna Haarer, geborene Barsch, (* 3. Oktober 1900 in Tetschen; † 30. April 1988 in München) war eine österreichisch-deutsche Ärztin und Autorin von auflagenstarken Erziehungsratgebern im Dritten Reich, die eng an die Ideologie des Nationalsozialismus angelehnt waren. Haarer war seit 1937 Mitglied der NSDAP und zeitweise „Gausachbearbeiterin für rassenpolitische Fragen“ der NS-Frauenschaft in München. Auch nach 1945 wurden ihre Bücher in der Bundesrepublik Deutschland in formal von nationalsozialistischer Terminologie bereinigter Form wieder aufgelegt und beeinflussten somit die Mütter der Kriegs- und der Nachkriegsgenerationen. Weiterlesen auf: https://de.wikipedia.org/wiki/Johanna_Haarer)

Ausläufer dieser Haltung begegnen uns noch heute in Ratgebern und Medien. „Jedes Kind kann schlafen lernen“, Tipps der „Super-Nanny“ mit „stiller Treppe“ etc. erinnern mehr an Hundeübungsplätze, als an die Idee einem jungen Menschen zu helfen, selbstbewusst in sein Leben starten zu können. Moderne Hundeerziehung, habe ich mir sagen lassen, ist da übrigens auch schon weiter. Auch hier geht’s mittlerweile mehr um Empathie aus der PsychoLogik des Hundes, als um den Drill zu blindem Gehorsam.

Größe

Wenn mehr auf das Formale, als auf den individuellen Inhalt, mehr auf Ordnungsgesichtspunkte als auf den jeweiligen Menschen geachtet wird, stimmt in meinen Augen etwas nicht. Symbolisch sehe ich teilweise auch schon überzeugende Beispiele in den unterschiedlichen Auffassungen verschiedener Kulturen, ihren Straßenverkehr zu regeln. In Deutschland neigt man mehr dazu, festgelegten Regeln zu folgen, als individuell auf die jeweilig beteiligten Verkehrsteilnehmer zu achten. Ist der Wagen groß oder klein, schnell oder langsam, der Fußgänger alt oder jung, das sind für mich wichtigere Kriterien, als Rechts-vor-Links oder Ampeln und Zebrastreifen. Bei uns gibt es zwar den Paragraph 1 der Straßenverkehrsordnung, der diesen Faktor beschreibt und zu berücksichtigen versucht, allerdings verhält sich lang nicht jeder danach.

Wenn ich in Italien oder gar in Thailand mit dem Motorroller unterwegs bin – was ich tatsächlich schon mehrfach war – muss ich recht wachsam sein. Hier werden rote Ampeln teils ignoriert. Auch von Polizisten. Das führt dazu, dass jeder Verkehrsteilnehmer affektiv wachsamer sein muss und sich nicht „blind“ auf niedergeschriebene Ordnungen verlassen kann. Häufig führt das aber zu einem natürlicheren Verkehrsfluss, indem jeder auf jeden achtet. Achten muss.

Puerto Plata Straße 5

Schön finde ich die Zunahme von Kreisverkehrsregelungen an unseren Straßenkreuzungen. Der Kreisverkehr ist eine natürlichere Regelung, als zeitlich willkürlich getaktete Ampeln. Es fällt dem Menschen schwerer sich willkürlichen bzw. sinnlich nicht nachvollziehbaren Regeln zu unterwerfen, als Dingen, die wir unmittelbar verstehen können. Dies hat sich übrigens damals auch Steve Jobs zunutze gemacht, als er für seine Computer und Smartphones intuitive Bedienbarkeit entwickelte. Windows hinkte da mit seinen, vom Schreibtisch erarbeiteten Regelungen, viele Jahre hinterher.

Puerto Plata Männer beim Domino

Wenn ich gerade schon Gedankensprünge mache, möchte ich auch noch einmal kurz politisch werden. Das Wort „Obergrenze“ in der Überschrift lässt es ja schon vermuten. Die sogenannte Flüchtlingskrise – schon das Wort suggeriert ein bestimmtes Bild – entstand ja zunächst einmal als Folge von kriegerischen Auseinandersetzungen in Syrien und anderen Krisengebieten. Deutschland ist ein wirtschaftlich recht starkes Land. Wen verwundert es da, dass bei uns recht viele Menschen vor den Grenzen standen. Bereits nach kurzer Zeit kam es zu Konflikten zwischen menschlich empathischen Motiven den Menschen in Not Asyl zu gewähren und der Angst um den eigenen Wohlstand. In solchen Motivkollisionen wird es rasch heftiger emotional.

Puerto Plata Kinder Baseball 3

Es wird weniger auf tatsächliche Zahlen und Verhältnisse geachtet, als dass Bilder einer regelrechten Überschwemmung heraufbeschworen werden. An dieser Stelle haben politische Manipulationversuche und populistische Rattenfänger leichtes Spiel. Es werden Bilder zwischen Verlust des Bisherigen und Umkehrung von Machtverhältnissen in drastischer Übertreibung entworfen. Z.B.: „Das christliche Abendland wird untergehen“, „bald müssen alle verschleiert gehen“ etc. Nicht umsonst nennt man solche Menschen Extremisten. Das Zukunftsbild was sie entwerfen ist ein extremes. Es knüpft immer an der Logik von Angstentwicklung an. Dabei stellt sich mir auch die Frage um wessen Ängste es geht. Vielleicht hat ein Horst Seehofer Angst davor, bald unbedeutend für seine Partei zu werden? Dann könnte er sich mit dem selbstgesteckten Ziel „Obergrenze“ zu profilieren versuchen.

Angst gehört zunächst einmal zur wichtigsten Grundausstattung unserer angeborenen Überlebensmechanismen. Allerdings kann Angst auch übertrieben groß werden. Das können wir uns gut an der Dynamik von Phobien klarmachen. Zunächst einmal ist es sinnvoll, dass wir vor einem knurrenden großen Hund Angst haben. Ein Hundephobiker hat allerdings das natürliche Maß verloren. Er bekommt Angst selbst vor winzigen Hunden. Solche Ängste können sich zu Panikattacken steigern. Dann wird der Hund als tatsächlich lebensbedrohlich erlebt. So etwas kann auch im Fahrstuhl oder Flugzeug passieren.

Puerto Plata Bus Supermarkt 2

Diese Menschen haben in der Regel noch nichts Schlimmes in diesen speziellen Zusammenhängen erlebt. Die Angst steht meist in einem symbolischen Zusammenhang mit unbewussten Konflikten. Möchte sich ein Mensch beispielsweise von seinem Partner trennen, könnte er das verdrängen, weil er gleichzeitig auch Angst vor den Konsequenzen des Alleinseins hat. Schon Freud hatte darauf aufmerksam gemacht, dass die nun folgende Angst noch größer wird. Es ist die Angst vor der Rückkehr des Verdrängten.

Bleiben wir einmal in diesem Beispiel. Der Mensch, der sich trennen will, kann seine Beziehung als zunehmend eng erleben. Da er ja zugleich Angst vor dem Beziehungsbruch und den Konsequenzen des Alleinseins und einer eventuellen Einsamkeit hat, verdrängt er das Gefühl der Enge. Erlebt dieser Mensch einen Fahrstuhl als zu eng, macht dies dann deshalb Angst, weil über das Symbol der Enge, die erlebte Beziehungsenge bewusstwerden kann. Damit das nicht erfolgt, wirkt dem eine sich steigernde Angst entgegen. Dies lenkt inhaltlich auch noch von der Problematik ab. Derjenige vermutet vielleicht so etwas wie Kreislaufprobleme und wird zukünftig wahrscheinlich Aufzüge meiden. Das gibt ihm zunächst einmal scheinbar die Möglichkeit der Kontrolle.

Puerto Plata Supermarkt 1

Im Grunde ist die Entwicklung einer Phobie tatsächlich leichter handzuhaben, als generalisierte, womöglich noch diffuse Ängste. Unklare Ängste können einen nämlich jederzeit unvorbereitet überfallen. Macht sich die Angst an bestimmten Bildern oder Situationen fest, lässt sie sich tatsächlich besser kontrollieren. Allerdings meist nur eine gewisse Zeit. Bleiben wir in dem eben skizierten Beispiel, wird sich die Symbolisierung des unbewussten Konfliktes nach einiger Zeit auf andere Bilder verschieben. Dann bekommt dieser Mensch nicht nur Panikattacken in Aufzügen, sondern auch im Verkehrsstau auf der Autobahn.

Puerto Plata Bus voll

Gehen wir mal zurück in den engen Bus. Enge kann immer Angst erzeugen und Angst geht meist mit Enge einher. Daher haben diese beiden Wörter in der deutschen Sprache auch den gleichen ursprünglichen Wortstamm. Die Angst vor der Enge in einem solchen Bus kann individuell recht unterschiedlich sein. Vermutlich hatte keiner der Mitfahrenden Angst. Wobei wir natürlich nicht wissen, ob manche deshalb vielleicht vor ihrem eigentlichen Ziel ausgestiegen sind. Es geht also weniger um reale Enge und mehr um erlebte Enge. Beziehen wir das jetzt auf Fremdenangst, dann wird vielleicht nachvollziehbar, dass es hier meist auch weniger um konkrete Sachverhalte geht, als um das individuelle Erleben von Angst. In einigen Menschen kann vielleicht das Bild entstehen, dass fremde Menschen in ihr Haus einziehen und sie nach und nach an die Wand drängen wollen. Dass es dazu aktuell kommt, erscheint mir weniger realistisch.

Puerto Plata roller 2

In Kriegszeiten ist es allerdings dazu gekommen. Da wurden unter Umständen kurzzeitig auch Eigentumsrechte außer Kraft gesetzt, wenn es darum ging, möglichst viele Menschen in einem privaten Bunker unterbringen zu können. In diesem Zusammenhang ist es übrigens sehr spannend zu beobachten, dass in Kriegszeiten psychische Störungen wie z.B. Depressionen zurückgehen. Das hat damit zu tun, dass die Krise nicht als persönliches Versagen erlebt wird. Es ist eine Erleichterung, wenn wir erleben, dass alle Menschen gleich von einer Krise betroffen sind.

An dieser Stelle können wir kurz noch einmal in größeren Zusammenhängen denken. Durch das Internet, die Globalisierung, Billigreisen und Fernsehen, wird die Welt zunehmend transparenter. Menschen die wenig haben, sehen jetzt deutlicher, dass es woanders Menschen gibt, die deutlich mehr haben.

Puerto Plata Essen

In dem Zusammenhang finde ich es verständlich, wenn gerade starke Persönlichkeiten jetzt hingehen, ihre Heimat zu verlassen, um woanders bessere Bedingungen finden zu können. So sind vor nicht allzu langer Zeit ja auch die USA entstanden. Daher stört mich auch der Begriff „Wirtschaftsflüchtlinge“ bzw. die versuchte Kriminalisierung dieses Phänomens. Würde ich in einem afrikanischen Dorf leben, in dem ich wenig Entwicklungschancen für mich persönlich sähe, würde ich wie „Hänschen-Klein“ auch in die große Welt hinausziehen.

Puerto Plata Bus Ich

Die wenigsten wissen übrigens, dass die in Deutschland noch gängige Version des beliebten Volksliedes gar nicht die Ursprungsfassung ist. In der aktuellen Fassung wird das Kind ja an seiner Weiterentwicklung durch die Tränen der Mutter gehindert. Hänschen darf nicht zum Hans werden, weil er als Antidepressiva für die Mutter herhalten muss.

Der Dresdener Lehrer Franz Wiedemann beschrieb in seiner Ursprungsfassung von 1860, dass die Mutter ihre Tränen vor dem Kind verbirgt, damit das sich in der Fremde zum Erwachsenen entwickeln kann. Dann kehrt nach Jahren der Mann zurück. Die Mutter erkennt in ihm ihr Hänschen von früher und beide liegen sich vor Wiedersehensglück in den Armen. Dies ist das Bild für einen gesunden Entwicklungsverlauf. Die uns bekannte Fassung wird sich aus den Folgen der beiden Weltkriege entwickelt haben. Die Mütter hatten mit großen Verlusten ihrer Männer und Söhne zu tun. Erschreckend finde ich allerdings, dass sich diese Fassung bis heute noch hält. Dies können wir als Hinweis darauf verstehen, dass in Deutschland noch viele Ängste und Traumatisierungen als Folge der beiden (selbstvorangetriebenen) Weltkriege bestehen. Im Ausland spricht man nicht umsonst von der „German Angst“.

Puerto Plata Kinder Baseball 2

Fazit: Ein Bus ist noch nicht unbedingt voll, wenn alle vorgesehenen Plätze besetzt sind.

   Puerto Plata Bus Titel

 

3 Kommentare

  1. Danke lieber Michael für Dein umfangreiches und interessantes Feedback! Leider melde ich mich für das „Weihnachtsgeschenk“ zu spät. Birgit kann mich gerne mal anrufen. Ab dem 08.01.2018 bin ich wieder in der Praxis zu erreichen.

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  2. Lieber Hans, vielen Dank für diese überaus spannenden Eindrücke Eurer Reise und die für mich noch spannenderen Gedankengänge, mit denen Du sie verbunden hast. Ja, ich freue mich auch immer wieder, wenn ich z.B. in Italien unterwegs bin, Regeln nur unverbindliche Empfehlungen sind, es eher auf Aufmerksamkeit, Empathie und geschickte nonverbale Kommunikation ankommt. Ich empfinde das immer wieder als befreiend.Dann das Thema „Obergrenze“. Hier würde ich gern Herrn Dobrindt beim Wort nehmen, obwohl der gerade etwas ganz anderes meint:“Kokolores“. Erstens kann es nicht wirklich funktionieren. Und dann geht es an den Realitäten vorbei. Mich bewegt dabei auch, dass ich selbst Kind einer Flüchtlingsfamilie bin, was bei uns noch nachwirkt. Meine Großeltern und meine Mutter sind gleich zweimal geflüchtet, erst aus Schlesien, dann aus der ehemaligen DDR. Gerade deshalb fällt es mir schwer, Ängste vor Zuwandernden nachzuvollziehen. Ich kann mich halt zu gut in deren Situation hineinversetzen. Dann der Aspekt „Angst“, auch ein spannendes Thema. In unserer Familie wurde das mit dem Tod meiner Mutter, unserem Bild von einem Menschen in ständiger Angst, beerdigt. Wir, die nachgewachsene Generation haben vor fast nichts und niemandem wirklich Angst, was mir schon als Respektlosigkeit ausgelegt wurde. Wir haben halt ganz andere Level von wirklich bedrohlicher Angst vermittelt bekommen. In vertrauter Runde lachen wir über das Thema „deutsche Angst“. Bei meiner Frau, meiner lieben Birgit, ist das jedoch insbesondere an einem Punkt ganz anders. Sie saß noch nie in einem Flieger und hat extreme Angst davor, sich dieser Maschine und der Enge anzuvertrauen. Ich würde schon ganz gerne mit ihr gemeinsam neue Horizonte öffnen, wenn es mir gelänge, diese Flugangst bei ihr zu überwinden. Hast du da evtl. eine Idee für mich? Für mich wäre es ein wertvolles Weihnachtsgeschenk. Denn dann könnten wir bspw. den Spuren Eurer, mich faszinierenden Reisen gemeinsam folgen.

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    1. Herzlichen Dank für Deine umfangreiche und interessante Rückmeldung lieber Michael. Zum Thema Flugangst können wir uns gerne einmal persönlich unterhalten (0221/9403336)

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