Alternative Fakten: das Unwort für die Unterspülung unserer sozialen Fundamente. Einsturz des Kölner Stadtarchivs als Mahnmal gegen gefährliche Hasardeure wie Trump, AfD & Co. (WehrWolter – ww 291 – Hans Wolter)

Täuscht mich das oder liegen die Worte Fake und Fakten erstaunlich nahe beieinander?

Was nicht passt wird passend gemacht. Bei Bob dem Baumeister finden wir das klasse, beim amerikanischen Präsidenten gehen die Ansichten schon diametral auseinander, beim Kölner U-Bahnbau hatte diese Hemdsärmeligkeit verheerende Folgen. Zu den meisten Dingen im Leben gibt es unterschiedliche Perspektiven. Allerdings gibt es grundlegende Gesetzmäßigkeiten, die sich in der Realität nicht beliebig zurechtbiegen lassen. In Träumen gibt es sehr viel mehr Spielräume, aber selbst die folgen einer Psycho-Logik. Die menschliche Fehleinschätzung eines Hindernisses beim Kölner U-Bahnbau und das vierjährige Ignorieren der Folgen, bestrafte die Natur gewaltig. Leise schuf das Wasser über Jahre hinweg neue Fakten. Doch diese werden erst neun Jahre später gerichtlich behandelt.

Alternative Fakten, das Unwort des Jahres 2017. Mal ehrlich: gab es das nicht schon immer? Die jahrelangen Verzögerungen bei der Ursachenforschung zum Einsturz des Kölner Stadtarchivs haben wenig mit der tatsächlichen Faktenlage zu tun. Auf jedes Gutachten folgten postwendend Gegengutachten der jeweils streitenden Parteien. Damit wurden immer wieder neue Fakten geschaffen. Dieses Prozedere hat System. In einem Jahr verjährt das Ganze. Es wäre nicht das erste Mal, dass es in der Rechtsprechung am Ende keinen Schuldigen gäbe.

Ursache für den Einsturz war eine Unterspülung der Fundamente. Ich verstehe, dass mir viele auf Anhieb nicht folgen werden, wenn ich dies mit einer Unterspülung der Fundamente unserer sozialen Gemeinschaft durch die Verbalattacken der Politpopulisten vergleiche. Die Wirkungen giftiger Worte und Bilder erfolgen teils unauffällig, wie das Wasser, teils laut und absurd. Der Volksmund beschreibt das mit: steter Tropfen höhlt den Stein. Insgesamt mit unabsehbaren Folgen für den sozialen Frieden.

Haben Lügen immer kurze Beine?

Bei Obamas Einweihung waren mehr Menschen als bei Trump. Oder handelt es sich bei den Luftaufnahmen um Fakebilder? Die Worte Fake und Fakten liegen erstaunlich nahe beieinander.

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Zum Unwort des letzten Jahres wurde „Alternative Fakten“ gewählt. Eine Jury aus Darmstadt hat das gerade entschieden. Eigentlich recht spät. Donald Trump begann mit der Rede vom „Postfaktischen“ schon 2015. Er begann einen Wahlkampf, in dem er Gefühle und Gerüchte als Tatsachen darstellte. Wäre er damit auf der Comedybühne oder in seinem Fernsehformat geblieben, hätte dies keine schlimmen Folgen. Nach Amtseinführung des ungewöhnlichen amerikanischen Präsidenten verpasste seine Sprecherin Kellyanne Conway seiner Art des Redens dann eine nahezu erkenntnistheoretische Grundlage: Wenn Trump & Co Dinge behaupten, die von sämtlichen Medien als falsch nachgewiesen werden, dann handele es sich da nicht um Lügen oder Unwahrheiten. Vielmehr habe der Meister Zugriff auf „alternative Fakten“.

Scheinbar ist „Alternative Fakten“ eine alternative Bezeichnung für „definitive Unwahrheiten“. Wenn etwas nicht passt, dann wird es eben passend geredet.

Nicht alles lässt sich beliebig passend machen

Beim Bau einer neuen U-Bahnstrecke in Köln stieß man 2005 auf ein Hindernis in 30 m Tiefe, was sich nicht entfernen ließ. Da man sich dazu entschloss dennoch weiterzuarbeiten, entstand ein Loch im Erdreich, eine sogenannte Erdplombe. Durch diese Fehlstelle seien am Tag des Einsturzes am 3. März 2009 durch aufgestauten Druck große Mengen Sand und Kies in die Baustelle hineingebrochen. Das Kölner Stadtarchiv stürzte gewissermaßen ins Bodenlose. Zwei Menschen starben.

Stadtarchiv

Das Historische Archiv der Stadt Köln archiviert Archivgut der Gremien und Ämter der Stadtverwaltung Köln sowie Archivgut von zahlreichen anderen Stellen (beispielsweise Unternehmen, Vereinen, Einzelpersonen) mit Bezug zu Köln. Durch die dichte Überlieferung seit dem Hochmittelalter mit zahlreichen Urkunden, Akten, Handschriften und Nachlässen gelten die Bestände als geschichtlich besonders wertvoll. Unzerstört überstand das Stadtarchiv Köln den Zweiten Weltkrieg. Mit einem Umfang von etwa 30 Kilometern Archivgut ist es das größte deutsche Kommunalarchiv.

Stadtarchiv 2

Tausende Unterlagen gingen verloren. Fast neun Jahre vergingen, ganz genau 3.242 Tage, bis am 17.01.2018 der Strafprozess eröffnet wurde. Wieso dauerte dies so lange?

Wie so oft geht es natürlich in erster Linie um Geld. Der Stadtarchiveinsturz hat die Stadt Köln nach eigenen Angaben bisher rund 1,2 Milliarden Euro gekostet. Sie will sich das Geld in einem Zivilprozess zurückholen. Es geht um Kosten für Anwälte, Gutachten, die Restaurierung von Archivgut und das Bergungsbauwerk an der Einsturzstelle.

Einige Fakten zum Zusammenbruch

Laut Anklage hat ein Fehler bei den U-Bahnbauarbeiten den Zusammenbruch des Gebäudes vor neun Jahren ausgelöst. Beim Ausbau der geplanten U-Bahn-Haltestelle Waidmarkt direkt unter dem Archivgebäude seien die Bauarbeiter 2005 auf einen Gesteinsblock gestoßen, sagte Staatsanwalt Torsten Elschenbroich. Beim Versuch, den großen Stein zu entfernen, seien die Zähne des Schaufelbaggers immer wieder abgebrochen.

Daraufhin habe der Polier – der Baustellenleiter – unter großem Zeitdruck entschieden, das Hindernis dort zu belassen. In der Betonwand der U-Bahn-Haltestelle sei dadurch ein Loch entstanden, eine sogenannte Erdplombe. Durch diese Fehlstelle seien am Tag des Einsturzes am 3. März 2009 durch aufgestauten Druck große Mengen Sand und Kies in die Baustelle hineingebrochen.

Auf Anweisung von Polier Rolf K. habe der Baggerführer die Greifer seines Fahrzeugs immer wieder auf das Hindernis krachen lassen. Laut Staatsanwalt sagte der Polier wörtlich: „Wir machen weiter, bis das Ding auseinanderfliegt.“ Auch drei Tage später habe es ein Hindernis gegeben. Das sei zwar dokumentiert worden, allerdings habe Polier Rolf K. es im Berichtsheft so dargestellt, dass man annehmen musste, das Hindernis sei schließlich durch Einsatz eines Meißels beseitigt worden. Durch das entstandene Loch in der Schlitzwand seien vier Jahre später erhebliche Mengen Wasser und Erdreich gelangt. Der Einsturz von Stadtarchiv und angrenzenden Häusern hätte verhindert werden können, die Katastrophe sei für Polier und Baggerfahrer sogar vorhersehbar gewesen. Hier sei der Vorwurf der fahrlässigen Tötung erfüllt. (Quelle: https://www.express.de/koeln/koelner-stadtarchiv-marvin–14–moechte-wissen–warum-sein-bruder-kevin—17–starb-29496532)

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Unter dem Archiv entstand dadurch nach Angaben der Staatsanwaltschaft ein Hohlraum, wodurch das sechsstöckige Gebäude einstürzte. Zwei junge Anwohner wurden von einstürzenden Gebäudeteilen erschlagen. Das größte und bedeutendste deutsche Kommunalarchiv wurde zerstört. Nach Angaben der Stadt Köln beläuft sich der Sachschaden auf 1,2 Milliarden Euro.

Die Angehörigen der beiden Toten haben neun Jahre auf die strafrechtliche Aufarbeitung des Unglücks warten müssen. Die Staatsanwaltschaft begründet den Verzug damit, dass es extrem kompliziert und langwierig gewesen sei, die Unglücksstelle zu untersuchen.

Angeklagt sind vier Männer und eine Frau, Mitarbeiter von Baufirmen und den Kölner Verkehrs-Betrieben (KVB). Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen fahrlässige Tötung und Baugefährdung vor. Für den Prozess hat das Landgericht 126 Verhandlungstage bis ins nächste Jahr hinein angesetzt. Wenn bis März 2019 kein erstinstanzliches Urteil ergangen ist, ist die Sache verjährt. Die Baufirmen bestreiten die Vorwürfe. Ein Sprecher verwies im Vorfeld des Prozesses darauf, dass die Ursache für das Unglück bis heute noch immer ungeklärt sei.

(Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/koeln-prozessbeginn-zum-einsturz-des-koelner-stadtarchivs-a-1188364.html)

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Worte können Halt geben, Verbindung schaffen, aber auch ausgrenzen und entzweien

Menschen verständigen sich im Schwerpunkt über Worte. In kleinen sowie in großen Gemeinschaften. Unser Zusammenwirken reguliert sich in vielen Dingen über Moral, Gesetze, öffentliche Meinung, Gespräche, Medien und Nachrichten. Zentral sind die Worte, sowie die damit erzeugten und einhergehenden Gefühle und Affekte.

Wenn der amerikanische Präsident Donald Trump von „Dreckslochstaaten“ spricht und damit Menschen aus Haiti aggressiv demütigt, dann verletzt er damit massiv die Würde dieser pauschal abgewerteten Menschen. Damit ist er nicht nur historisch unamerikanisch, er verschiebt vielmehr den Maßstab jahrzehntelange Errungenschaften menschlicher Toleranz und Kommunikation in unseren zivilisierten Ländern. Dies hat direkte Folgen auf das multikulturelle komplexe Zusammenwirken im amerikanischen Alltag und darüber hinaus. Wenn sich auch der Deutsche die Lust am Fußball von der AfD nicht verderben lässt, die Bemerkung eines Alexander Gauland, dass viele Deutsche Boateng nicht als Nachbarn wollten, wird dennoch Nebenwirkungen gehabt haben. Nebenbei bemerkt: wäre Gauland Mitglied in der CDU geblieben, würde ihn heute kaum einer kennen. Populismus hat etwas mit Pop und Gesehenwerden zu tun.

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Abwehrmechanismen: Verkehrung ins Gegenteil, Verleugnung

Sigmund und Anna Freud haben Anfang des 20. Jahrhunderts mehrere psychische Abwehrmechanismen herausgearbeitet, mit denen wir uns vor Angriffen von außen und innen schützen. Wenn wir uns mal die sogenannten „Alternativen Fakten“ anschauen, dann ist ja deren Motiv einen Sachverhalt in einem bestimmten Licht darstehen zu lassen. Bei der Amtseinführung Trumps waren faktisch weniger Menschen als bei Obama. Offensichtlich griff das das Selbstwertgefühl des neuen Präsidenten an. Darauf reagierte er mit zwei Abwehrmechanismen, um sein Selbst wieder upzugraden. Erstens verleugnete er die Zahlen, zweitens verkehrte er das Ereignis ins Gegenteil. Es sei die best besuchteste Amtseinführung aller Zeiten gewesen.

Verkehrung ins Gegenteil ist eigentlich DER Abwehrmechanismus der Populisten. Unbequeme Fakten werden einfach zu Fakenews erklärt. In der Sprache der Nationalsozialisten hieß das „Lügenpresse“.

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Menschen und Tiere sind sich näher als wir es uns ausmalen

Zu den Schätzen des Kölner Stadtarchivs zählt die Originalhandschrift des „Buchs der Tiere“ von Albertus Magnus aus dem 13. Jahrhundert.

Natürlich ist das radikale Auftreten der rechtspopulistischen Meinungsmachern nur möglich, weil im Volk unterschwellige Bereitschaften vorhanden sind. Tendenzen zu Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Ausgrenzungen von Minderheiten etc. ziehen sich durch die gesamte Menschheits- und Zivilisationsgeschichte. Aber seit dem Mittelalter hat sich im öffentlichen Diskurs und im Umgang miteinander schon sehr viel verändert. Insgesamt hat sich eine gewisse soziale Friedfertigkeit auch schon deshalb etabliert und weiterentwickelt, weil dies wirtschaftlicher effektiver ist. Damit haben sich Wohlstand und Lebenserwartungen des Einzelnen schon deutlich erhöht.

Trotz aller Zivilisation steckt in uns allerdings auch noch das Tier. Das sehen wir beispielsweise in den gewaltintensiven Bewegungen in den islamischen Staaten, aber auch bei unseren Hooligans, sexuellem Missbrauch, der auch vor den Türen der Kirche nicht stehen bleibt, Plünderungen bei Naturkatastrophen oder Angriffen von Jugendlichen in U-Bahn-Stationen.

Wir brauchen menschliche Orientierung und Regulierung

Positive Meldung: 95 Prozent der Urkunden und Unterlagen des Kölner Stadtarchivs konnten nach dem Einsturz geborgen werden. Allerdings sind sie zum Teil stark beschädigt. Die Archivleiterin rechnet damit, dass noch 30 Jahre vergehen, bis alles restauriert und neu geordnet ist. Mittlerweile nimmt der Rohbau eines neuen Archivs an einem anderen Standort Gestalt an. 2020 soll das Gebäude in Betrieb genommen werden.

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Trotz allem Individualismus sind wir nach wie vor noch Herdentiere. Wir lassen uns von Sportereignissen anstecken, Liedern mitreißen, folgen Smartphone-Moden und hören auch auf Menschen die wir wertschätzen. Damit sind wir auch manipulierbar. Zum Guten, Schlechten, Mittelmäßigen oder Kreativen. Insgesamt hat jeder von uns auch eine Verantwortung für das Ganze.

Die Geschichte zeigt uns, dass es solche und solche Verläufe gibt. Die beiden letzten Weltkriege sind von Deutschland ausgegangen und Hitler wurde lange unterschätzt.

Ich hoffe mal, dass sich bei Trump und den europäischen Rechtspopulisten letztlich so etwas wie ein Paradox, also eine Mephisto-Logik erfüllt:

„Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

(Mephisto zu Faust im Studierzimmer, Goethe: Faust: Eine Tragödie – Kapitel 6)

 

 

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Stadtarchiv Titel

 

 

1 Kommentar

  1. Mir fällt dazu das Gleichnis „Die blinden Männer und der Elefant“ ein.
    Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_blinden_M%C3%A4nner_und_der_Elefant
    Wir sehen und erfassen immer nur einen Teil der Wirklichkeit.
    Eine ganz andere Dimension ist für mich jedoch die bewusste Verdrehung von Wahrheiten und die Verschleierung dieser Absicht durch die Erfindung vermeintlich positiver Worte.

    Gefällt 1 Person

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