Die größte Macht hat das richtige Wort zur richtigen Zeit – Mark Twain – R.I.P. Ján Kuciak (1990 – 2018) – Die Angst der Mächtigen vor dem enthüllenden Wort – (WehrWolter – ww 298 – Hans Wolter)

Worte können viel bewegen. Triffst Du nur das Zauberwort. Dichter verstehen diese Kunst. Werbetreibende nutzen dies gewinnbringend. Schriftsteller und Journalisten sind aber auch zu Gegenzauber in der Lage. Sie entzaubern ab und zu Erfolgreiche, deren Erfolge auf falschem Spiel aufbauen. Mächtige kommen häufig durch Worte zu Macht und Geld. Würde alles mit rechten Dingen zugehen, würden sie die aufdeckenden Worte ihrer Kritiker nicht fürchten. Da wo Unrecht vorliegt, ist das oft nur durch Täuschung der Öffentlichkeit möglich. Je größer der Missbrauch, je gefürchteter sind klare enthüllende Worte. Daher werden Autoren leider auch immer wieder bedroht, verfolgt, eingesperrt oder gar getötet. Das war bei Martin Luther ähnlich wie bei Charlie Hebdo oder Edward Snowden.

Der Journalist Ján Kuciak wäre im Mai 28 Jahre alt geworden. Offensichtlich war er mächtigen Leuten zu gefährlich geworden. Das kostete ihm und seiner Verlobten Martina Kusnirova das Leben. Das junge Paar wurde in der Nacht vom 25.02. 2018 in ihrem Haus in der Westslowakei tot aufgefunden. Die Schüsse in Kopf und Brust weisen nach Polizeiangaben auf eine Hinrichtung hin.

Kuciak war, wie auch die auf Malta ermordete Journalistin Daphne Caruana Galizia an der Auswertung der Panama Papers beteiligt, in denen es um Steueroasen geht.  Aktuell recherchierte er über die Verfilzung von Politik und dubioser Geschäftemacherei. Dabei war er auf mögliche Verbindungen italienischer Mafia-Clans zu slowakischen Politikern und Regierungsmitarbeitern gestoßen.

Der Mord hat auch direkte politische Konsequenzen.  Der Kulturminister Marek Madaric und zwei Vertraute von Regierungschef Robert Fico sind sofort zurückgetreten. Aktuell wollen sich auch die EU-Kommission und das Europäische Parlament mit diesem Fall beschäftigen. EU-Kommissar Günther Oettinger sagte der „Welt“. Er halte für möglich, dass EU-Zahlungen an die Agrarwirtschaft „für kriminelle Zwecke missbraucht“ worden seien. „Wir werden in ein paar Wochen Klarheit über die Finanzströme und einen möglichen Missbrauch haben.“

Der slowakische Präsident Andrej Kiska fordert politische Konsequenzen. „Ich sehe jetzt diese beiden Lösungen: eine grundlegende Regierungsumbildung oder vorgezogene Wahlen“, sagte Kiska in einer Fernsehansprache. Seinen Vorstoß begründete er mit wachsendem Misstrauen der Öffentlichkeit in staatliche Instanzen. „Dieses Misstrauen ist gerechtfertigt“, sagte Kiska. „Wir haben die Linie überschritten, es ging zu weit und es gibt keinen Weg zurück.“

Laut Spiegel Online wollte Kuciak ein Netzwerk von Verbindungen der kalabrischen ‚Ndrangheta bis in höchste slowakische Regierungsstellen offenlegen. Mehrere slowakische Medien veröffentlichten nun den unvollständig gebliebenen Text in Zusammenarbeit mit dem Internetportal Aktuality.sk, für das Kuciak gearbeitet hatte. Die ‚Ndrangheta soll sich im Osten der Slowakei den Recherchen zufolge auf Steuerbetrug mit gefälschten Rechnungen spezialisiert haben. Auch EU-Förderungen seien Ziel des Betrugs gewesen.

Nach Kuciaks Recherchen ist es der Mafia gelungen, Verbindungsleute in das Büro des sozialdemokratischen Regierungschefs Robert Fico einzuschleusen. Sollten die Recherchen stimmen, hätte die Mafia so Zugang zu geheimen Staatsinformationen bekommen können und wären über geplante Sicherheitsmaßnahmen informiert gewesen.   (Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/slowakei-eu-befasst-sich-mit-mord-an-journalist-jan-kuciak-a-1195942.html)

Mächtige können versucht sein, mit kriminellen Dienstleistern zusammenzuarbeiten

Kriminelle Profis sind nur eine Seite des Problems. Die andere Seite sind Politiker und Geschäftsleute, die Dienstleistungen der Kriminellen in Anspruch nehmen. Ulrich Ladurner von der Zeit weist auf Hintergründe hin, die ich nachfolgend gerne kurz aufgreife: „Die ‚Ndrangheta hat sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten erfolgreich globalisiert. Sie pflegt enge Verbindungen zu den Drogenkartellen in Lateinamerika und kontrolliert den Kokainhandel in und nach Europa. Das hat sie zur reichsten, mächtigsten und gefährlichsten Mafiaorganisation Europas gemacht. Sie ist ein europäisches Problem, kein italienisches. Der letzte, unvollständig gebliebene Artikel, den es von Ján Kuziak gibt – sofern die dargelegten Fakten stimmen – gibt einen tiefen Einblick in die Arbeitsweise der ‚Ndrangheta. Sie sucht – und findet –  gezielt Verbindungen zur Politik, der sie ihre Dienste anbietet. Diese Nähe zur Politik ist das zentrale Erfolgsgeheimnis der Mafia.

Der Historiker Isaia Sales, der ein umfangreiches Werk über die Geschichte der italienischen Mafiaorganisationen geschrieben hat, weist darauf hin, dass sich die Mafia von anderen kriminellen Organisationen durch ihre Langlebigkeit unterscheidet. Seit mehr als 150 Jahren gibt es sie. Sie war manchmal stärker, manchmal schwächer, aber sie hat bislang jede Repression überlebt. Und gerade die ‚Ndrangheta ist heute so stark wie nie zuvor.

Sales bringt in seinem Buch zahlreiche Beispiele dafür, wie die Mafiaorganisationen im Laufe der vergangenen 150 Jahre der Politik ihre Dienste angeboten haben. Einmal war es Hilfe bei der Landung der Alliierten in Sizilien im Kriegsjahr 1944. Ein anderes Mal die Unterdrückung von italienischen Bauern, die nach Landreformen verlangten. In der Nachkriegszeit sind es vor allem Wählerstimmen, die der Politik im Paket angeboten werden. Die Mafia bedient die Gier von Politikern nach Macht und Geld und verlangt dafür entsprechende Gegenleistungen.

Sie hat italienische Geschichte mitgeschrieben – inzwischen schreibt die Mafia auch europäische mit. Das ist die beunruhigende Nachricht des Mordes an Ján Kuciak und seiner Lebensgefährtin.“ (Quelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/2018-03/jan-kuciak-mord-italienische-mafia-n-drangheta)

Einschüchterungsversuche und die richtige Antwort der Kollegen

Um das ermordete Paar war laut Medienberichten scharfe Munition drappiert. Das lässt sich als Warnung gegenüber anderen Journalisten deuten. In diesem Fall hat dieser Einschüchterungsversuch eine paradoxe Wirkung. Viele Medien in ganz Europa veröffentlichten daraufhin Kuciaks unvollendete Recherche – auch, um weitere beteiligte Reporter zu schützen. Der Journalist schrieb für das zur deutsch-schweizerischen Mediengruppe Ringier Axel Springer Media gehörende Nachrichtenportal „aktuality.sk“. Der mutige Schritt in die Veröffentlichung ist genau das richtige Zeichen. Die Täter und potentielle Nachahmer müssen erfahren, dass es eine breite Öffentlichkeit gibt die sich zur Wehr setzt.   

Die größte Macht hat das richtige Wort zur richtigen Zeit“ (Mark Twain)

Die Mächtigen, die ihre Macht missbrauchen, fürchten das aufdeckende Wort. In dem vorliegenden Fall scheinen das, wie so häufig, finanzielle Motive illegaler Bereicherung zu sein. Die Mafia, aber auch Wirtschaftskriminelle sowie Mitarbeiter der Regierung scheinen hier beteiligt zu sein.

Öffentlichkeit ist die stärkste Waffe

Werden Menschen missbraucht oder verdeckt gemobbt, ist es immer wichtig Öffentlichkeit herzustellen. Keiner schlägt sein Kind beim Aldi. Das passiert dort, wo es keiner mitbekommt. Diejenigen die etwas mitbekommen werden mehr oder weniger intensiv eingeschüchtert. Häufig haben Opfer auch Angst sich zu wehren, weil sie nachteilige Konsequenzen fürchten. Daher sind ja die sexuellen Missbrauchsfälle in der Medienbranche jahrelang nicht ans Tageslicht gelangt. Das war in dem Fall Dominique Strauss-Kahn, dem ehemaligen französischen Finanzminister ähnlich. Viele wussten davon, viele haben stillgehalten und lange Zeit nichts gesagt.

Einschränkung:

Trumps „Grab her by the pussy“ ist letztlich ohne Konsequenz geblieben

Viele Übergriffe, Morde, Vergewaltigungen und Seelenmorde bleiben ungeklärt oder ohne Konsequenzen. Ich hatte seiner Zeit gedacht, dass es Trump den Wahlsieg kosten würde, als das Video auftauchte, in dem er damit prahlte, jeder Frau zwischen die Beine greifen zu können. Leider wird nicht jeder Fall aufgedeckt oder adäquat bestraft. Darunter leiden Missbrauchsopfer häufig mehr, als unter dem eigentlichen Übergriff.  

 

Wenn ich wüsste, dass morgen der jüngste Tag wäre,

würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.

(Martin Luther)

Martin Luther – Victor Jara – Edward Snowden – Charlie Hebdo

Der wortgewaltige Marin Luther

Die Mächtigen fürchten aufdeckende Worte, da diese die Menschen mobilisieren können. Das war schon immer so. Durch die Erfindung des Buchdrucks konnte Martin Luther seine Thesen verbreiten.  Der wortgewaltige Mönch übersetzte sogar die Bibel ins Deutsche. Damit wurde er für die Mächtigen der katholischen Kirche so gefährlich, dass er lange untertauchen musste. Ansonsten wäre er umgebracht worden und seine Revolution wäre gescheitert.

Edward Snowden wartet immer noch auf der Wartburg bzw. in Moskau

Edward Snowden ist kein Schriftsteller. Der Computerspezialist sprach Machenschaften und Möglichkeiten der Geheimdienste an und wurde damit zum Täter. Im Juni 2013 gab er Informationen seiner Erkenntnisse an die Öffentlichkeit. Seitdem wird er vom FBI mittels Strafanzeige verfolgt. Seit August 2013 gewährt ihm Russland Asyl.

Mächtige fürchten Witze

Hofnarren durften an den Höfen der Könige Wahrheiten schon mal witzig verpacken. Das hatte am Hof eine gewisse Ventilfunktion. Laut Sigmund Freud sind Witz und Humor die entwickelsten seelischen Abwehrmechanismen im Umgang mit dem Unbehagen in der Kultur.

Der Umgang des türkischen Staatspräsidenten Erdogan mit dem Satiriker Böhmermann zeigt, dass mit ihm nicht zu spaßen ist. Auch andere Journalisten setzt er ja mal locker ohne jedes Urteil. Noch schlimmer erging es Charlie Hebdo, eine wöchentlich erscheinende Satirezeitschrift. Sie gilt als das bedeutendste Satiremagazin Frankreichs. Die Zeitschrift gehört zu den wenigen auf der Welt, welche 2006 die Mohammedkarikaturen aus der dänischen Jyllands-Posten nachgedruckt hatten. Die Jyllands-Posten und ihr Karikaturist Kurt Westergaard waren bereits im Jahr 2010 selbst das Ziel von Anschlägen. Der Anschlag auf Charlie Hebdo war ein islamistisch motivierter Terroranschlag, der am 7. Januar 2015 auf die Redaktion der Satirezeitschrift in Paris verübt wurde. Zwei maskierte Täter, die sich später zu Al-Qaida im Jemen bekannten, drangen in die Redaktionsräume der Zeitschrift ein, töteten elf Personen (darunter einen zum Personenschutz abgestellten Polizisten), verletzten mehrere Anwesende und brachten auf ihrer Flucht einen weiteren Polizisten um.

„Ein Gedicht, kann uns körperlich und psychisch verändern“ (Yoko Tawada)

Wirkmacht der Versprachlichung

Es gäbe noch viel zur Wirkmacht von Worten zu sagen. Auf der Poetica4 in Köln diskutierten wir mit dem dänischen Schriftsteller Morten Sondergaard anhand seiner „Wortapotheke“ über die heilende Wirkung von Worten. Wir hier weiterlesen möchte, kann dem folgenden Link folgen:

Poetica4 – Beyond Identities – Einblick1 – Von Hans-im-Glück und der Kunst der Verwandlung – Festival für Weltliteratur – Morphomata, Universität Köln – (WehrWolter – ww 292 – Hans Wolter)

 

Die Wirkung von Worten ist ein weites Feld, zu dem sich noch viel sagen lässt. Einiges habe ich auch an verschieden Stellen in meinem Blog schon einmal behandelt. Abschließen möchte ich mit dem chilenischen Sänger Victor Jara.

Auch Lieder können Öffentlichkeit mobilisieren – Victor Jara

Victor Jara (1932 – 1973) war ein chilenischer Sänger, Musiker und Theaterregissuer. Er wurde am 12. September 1973 verhaftet und am 16. September 1973 mit mindestens 44 Schüssen von Soldaten des am 11. September putschenden Militärs ermordet. Seine Geschichte stellen die deutschen Liedermacher der Gruppe Zupfgeigenhansel in einem eigenen Lied vor.

 

Victor Jara war ein Bauersohn
Als Kind arbeitete er
auf sonnenheissen Feldern
Das Leben in Chile war schwer
Seine Hände wurden stark
Seine Hände wurden stark

Er wuchs und lernte kämpfen
Seine Augen sahen immer mehr
Sie sahen die Ungerechtigkeiten
in den Dürfen und Städten ringsumher
Das Kämpfen und das Feiern
und was das Leben macht
hat er für sein chilenisches Volk
in Töne und Verse gebracht
Diese Verse waren zärtlich
Diese Verse waren stark

Er sang für die Minenarbeiter
für die Bauern auf dem Land
Er sang vor vielen Fabriken
und jeder Arbeiter verstand
Er begleitete Allende
War viel Arbeit Tag und Nacht
Er sang : Nimm deines Bruders Hand
’s wird Schluss mit der Not gemacht
Seine Hände waren zärtlich
Seine Hände waren stark

An einem hellen Tag im September
schlug die Mörderjunta zu
Faschisten-Generäle überfielen das Land
und in Chile herrschte Friedhofsruh
Tausende in Kerkern,
auch Victor Jara war dabei
Sie verschleppten viele ins Stadion
zu Folter und Quälerei
Und nichts mehr war zärtlich
Nein nichts mehr war stark

Erschießungen am Morgen
Schüsse auch in der Nacht
Pinochets Folterschergen
Haben Victor Jara nicht stumm gemacht
Er sang dort für seine Genossen
Seine Stimme machte vielen Mut
Er zersang all ihre Ängste ?
Selbst angstvoll und doch voller Mut
Denn seine Stimme war zärtlich
Seine Stimme war stark

Die Faschisten zerbrachen seine Hände
trotzdem hat er Lieder gemacht
Da zerschlugen die Bestien sein Gesicht
Haben ihn langsam umgebracht
Victor Jara wurde ermordet
Doch seine Lieder sind nicht tot
Sie singen weiter von der Freiheit
helfen Chiles Volk in der Not
Denn seine Lieder sind lebendig
Seine Lieder sind stark

Und wir hören seine Stimme
singen von dem, was noch zählt
In dem Kampf um Chiles Freiheit :
Dass ist unsre Solidarität
Diese Kraft ist zärtlich
Diese Kraft ist stark
Diese Kraft ist zärtlich
Ja diese Kraft ist stark
Unsere Kraft ist zärtlich
Ja die Wahrheit ist stark

(Zupfgeigenhansel)

Weiterlesen?

„Die verlorene Ehre“: Was Mario Adorf, Til Schweiger, Kevin Kurányi, Edward Snowden, Böll, Edathy und die RAF verbindet. (WehrWolter – ww 58 – Hans Wolter)

Man darf nicht warten bis Freiheitskampf Landesverrat wird. Erich Kästner. – Ist Recht eine Frage der Macht? – (WehrWolter – ww 45 – Hans Wolter)

Shitstorm über Anke Engelke nach Nazi-Witz auf der Berlinale – Totalitäre & enge Geister können kein Humor. Gelacht wird nur über Schwächere. – Da sind Pegida, Putin, Al-Qaida, Hitler und IS nicht weit auseinander. (WehrWolter – ww 123 – Hans Wolter)

Die Wucht des Lauffeuers Ver-O(e)ffen-tlichung. Von der Reformation über Glasnost zum Social-Media. – Tabu-TTIP? – Alte Macht-Logik funktioniert nicht mehr? So richtig! – EinschüchterungsVersuche verkehren sich ins Gegenteil. – Paradox des Streisand-Effekts. – (WehrWolter – ww 47 – Hans Wolter)

Worte Kuciak Titel

2 Kommentare

  1. WIE IMMER !
    GUT FUNDIERT,IMMENS WICHTIG ! ZUM NACH- UND QUERDENKEN! BIN BEGEISTERT UND WERDE DIES WEITER EMPFEHLEN. BITTE WEITER SO !!

    Gefällt 1 Person

    1. Herzlichen Dank fürs Lesen und Weiterverbreiten!

      Gefällt mir

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