Amokfahrt Münster – Anschlagversuch Berlin – Terror, Angstfaszination, Medienlogik und der Drang nach öffentlichem Gesehen-Werden – medienpsychologische Gedanken – (WehrWolter – ww 305 – Hans Wolter)

Kurz zusammengefasst: Bad news are good news! – Von der Angstfaszination des Menschen. – Ein sich selbst verstärkender Effekt, an dem wir alle beteiligt sind. – Das Geschäft mit der Angst war schon immer ein gutes. – Vom Paradox der tödlichen Belebung. – Krieg und Bad News als Wirtschaftsfaktor, sowie die kulturelle Aufforderung zur Selbst-Optimierung fördern die Zunahme von Gewalt.

Samstag, 07.04.2018: Ein Kleintransporter ist am Samstagnachmittag in Münster in die voll besetzte Außenterrasse eines Altstadt-Lokals gerast. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Tat des Deutschen keinen terroristischen oder islamistischen Hintergrund hat. Sonntag, 08.04 2018: Die Berliner Polizei hat nach Informationen der „Welt“ einen Anschlag während des Halbmarathons in der Hauptstadt verhindert. Der Hauptverdächtige gehöre zum Umfeld des Weihnachtsmarktattentäters Anis Amri und soll geplant haben, mit Messern Zuschauer und Teilnehmer der Sportveranstaltung zu töten.

Anhand dieser Beispiele versuche ich heute einmal einen anderen Zugang zu dieser Thematik. Mein Blick ist diesmal nicht politisch, auch nicht vom Störungsbild der Täter aus betrachtend, sondern mehr medien- und kultur-psychologisch.

Terror beginnt in den Köpfen. Angst auch. Spüren tun wir’s im Bauch. Seit einiger Zeit scheinen Anschläge zuzunehmen. Die jeweiligen Motive unterscheiden sich. Allen Taten gemeinsam, scheint mir der Drang nach öffentlichem Gesehen-Werden zu sein. Auch hier vermag ich nicht sicher zu sagen, ob das zugenommen hat. Auf jeden Fall erlauben und ermöglichen die modernen Medien eine immer größere Aufmerksamkeit und Wirkung. Nach meiner Einschätzung geht es häufig weniger um konkrete politische oder gesellschaftlich relevante Ziele. Psychologisch scheint es mir bei den Tätern hier mehr um eine selbst erlebte und inszenierte Großartigkeit zu gehen. Hier kann ein Einzelner mit relativ einfachen Mitteln auf die Bühne der Weltöffentlichkeit treten. Da gibt es Menschen, die offenbar mit einem geplanten Suizid zugleich einen großen finalen Auftritt zu verbinden suchen. Eine fatale Problematik sehe ich in einem sich selbst verstärkenden Effekt, an dem wir alle beteiligt sind.

Einerseits verurteilen wir Gewalt, zugleich fördern wir sie unterschwellig mit unserer Sensations-Neugier. Wenn ich mir die erfolgreichen aktuellen Serien bei Netflix und Amazon anschaue, würde ich sogar sagen, dass wir Gewalt nicht nur fördern, sondern sogar fordern. Nicht nur von Sex & Crime, sondern auch von Angst und Tod, gingen in der Psycho-Logik, paradoxerweise schon immer Belebungseffekte aus. Natürlich sind hiermit, wie mit jedem Krieg, auch immer konkrete wirtschaftliche Interessen verbunden. Terroranschläge lassen Einschaltquoten und Zeitungsauflagen steigen, die Talkshows haben neue Themen, Experten jetten von Sendung zu Sendung. Alles findet einerseits mit betroffenen Mienen statt. Auf der anderen Seite wird das Geschäft mit der Angst häufig, unterschwellig weiter befeuert. Brauchen wir solche Aufputschmittel in einer zunehmend gefühllos werdenden Welt? Oder weshalb zeigt uns die Tagesschau so viele Bad news?

 

Bad news are good news!

Wer im Fernsehen heute genannt werden will, hat die besten Chancen mit schlechten Nachrichten. Sind diese von nationaler oder gar internationaler Bedeutung, steigt der Wahrnehmungsfaktor. Bei Promis reicht schon einmal eine Trennungsmeldung. Medienpsychologen lehren uns, dass Aufmerksamkeit ein äußerst knappes Gut ist. Besonders die mediale Aufmerksamkeit. Heutzutage schaffen es nur noch ca. ein Prozent aller Nachrichten, überhaupt in Zeitungen, im Web, Radio oder Fernsehen veröffentlicht zu werden. Die allermeisten werden von den Türstehern der Redaktionen weggeklickt oder in den Papierkorb verbannt.

Auch wir, also die Mediennutzer, selektieren. Studien zufolge nahmen die Bürger bereits 1987 durchschnittlich nur 1,7 Prozent der in Deutschland veröffentlichten Informationen auf. Die Rezeptionskapazität des Menschen hält mit dem immer größer werdenden Medienangebot nicht schritt. Damit kommt es zu einer zunehmenden Überlastung beim einzelnen Bürger. Durch das sogenannte „Information overload“ haben auch die Medienmacher zunehmend Probleme Nachrichten erfolgreich zu verkaufen.

Von der Angstfaszination des Menschen

Welche unserer nächtlichen Träume erinnern wir? In meiner Praxistätigkeit als Psychologe mache ich immer wieder die Erfahrung, dass die Menschen sich eher an die Angstträume erinnern. Das macht auch psycho-logisch Sinn. Träume sind nämlich nicht nur Produkte eines seelischen Verdauungsprozesses, sie haben auch eine evolutionäre Anpassungsfunktion. Träume können uns beispielsweise auf Gefahren in Gegenwart und Zukunft hinweisen. Unser innerer Traumregisseur wählt dabei gerne Mittel der Zuspitzung und Übertreibung, damit nicht alles der Verdrängung anheimfällt. Sind wir beispielsweise sauer auf einen Arbeitskollegen, kann es schon einmal sein, dass der Traumregisseur daraus einen Mord konstruiert. Daher sollten wir einerseits unsere Träume nicht zu konkret auslegen, andererseits sollten wir aber ihre Kernbotschaften schon ernst nehmen.

Dieses Stilmittel von Zuspitzung und Übertreibung wählen einerseits Medienmacher, andererseits aber auch die potentiellen Täter. Das garantiert eine hohe Aufmerksamkeit

Das Geschäft mit der Angst war schon immer ein gutes.

Beängstigende und schlechte Nachrichten erhöhen die Aufmerksamkeit der Menschen. Damit steigern sie automatisch die Auflagen. Medienlogisch führt das nun dazu, dass aus einer vielleicht harmlos daherkommenden Schweinegrippe rasch eine bedrohliche Pandemiegefahr werden kann. Terrorgefahr kann heute bei jeder Veranstaltung gewittert werden. Auch Wirtschaftsmeldungen malen rasch Finanz- und Arbeitsmarktkrisen an die Wand.

 

Vom Paradox der tödlichen Belebung

Bedrohliche und schlechte Nachrichten werden häufig aufmerksamer wahrgenommen. Durch Bad news steigt das Lebendigkeitsempfinden vieler Mediennutzer. Er spürt sich gewissermaßen selbst besser. „In Zeiten oft toter Beziehungen, grauem Alltag, ungelebter Träume, sind schlechte Nachrichten eine grandiose Möglichkeit, etwas zu spüren, auch sich selbst besser zu spüren, meint Thomas Hinrichs, ehemals Mitglied der ARD-Chefredaktion.

Werther-Effekt und Zurückhaltung bei der Berichterstattung

Schon als Goethe 1774 seinen Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ veröffentlich hatte, gab es auffallend viele junge Männer, die dem Romanhelden nacheiferten und sich suizidierten. Daran anknüpfend spricht man in der Medienwirkungsforschung vom sogenannten Werther-Effekt. Dies bezeichnet die Annahme, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen Suiziden, über die in den Medien ausführlich berichtet wurde, und einer Erhöhung der Suizidrate in der Bevölkerung besteht.

Für den Wirkungszusammenhang zwischen dem Vorbild-Suizid und den Nachfolgetaten benutzen Wissenschaftler die Begriffe Imitationshypothese, Suggestionstheorie, Enthemmungseffekt oder Ansteckungshypothese. Der „Werther-Effekt“ wird nicht nur von Medienforschern und Psychologen untersucht, sondern auch von Wissenschaftlern der Suizidologie.  Der Begriff Werther-Effekt wurde 1974 von dem amerikanischen Soziologen David Philipps eingeführt, der als erster Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen der Berichterstattung über Suizide prominenter Personen und der Suizidrate der Bevölkerung nachweisen konnte.

In Deutschland beobachteten die Psychologen Armin Schmidtke und Heinz Häfner im Zusammenhang mit dem mehrteiligen ZDF-Film „Tod eines Schülers“ im Jahr 1981 eine statistische Häufung bei Eisenbahnsuiziden unter Jugendlichen in Westdeutschland. Die sechs Folgen erzählen die Vorgeschichte einer Selbsttötung durch einen Eisenbahnzug aus verschiedenen Perspektiven, der Moment des Suizids wurde zu Beginn jeder Folge gezeigt. Die Rate der Eisenbahnsuizide unter 15- bis 19-jährigen nahm in der Zeit während und fünf Wochen nach der Ausstrahlung der Serie im Vergleich zu den Jahren davor und danach bei Männern um 175 Prozent und bei Frauen um 167 Prozent zu.

Seit 1997 gibt es zum Schutz des Privatlebens und der informationellen Selbstbestimmung der Betroffenen eine Richtlinie des Deutschen Presserats zur Berichterstattung über Suizidenten: „Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände.“ Allerdings hat der Pressekodex keine bindende Wirkung. Die Chefredaktion der Bild-Zeitung etwa äußert, dass die Redakteure des Blattes „mitunter das Berichterstattungsinteresse deutlich höher einschätzen als der Presserat.“ Dies werde „in Grenzfällen immer so sein“.

Dass das Thema in Redaktionen nicht noch ernster genommen wird, erklärt der Medienjournalist Stefan Niggemeier damit, dass die bisherigen Erkenntnisse der Forschung dem Selbstverständnis von Journalisten entgegenstehen: „Schon der Gedanke, dass nur das Berichten einer Tatsache – sogar unabhängig davon, ob man Namen oder andere Details nennt – erhebliche negative Folgen haben kann, ist schwierig für Journalisten.“ Er kommt zu dem Schluss: „Natürlich muss es dann auch möglich sein, zu sagen: Das hier ist zwar eine ganz spannende Geschichte, und ich weiß auch 37 Details, die ich gerne erzählen würde, aber ich schreibe trotzdem ganz nüchtern und lasse von den 37 Details 36 weg. Ja, das läuft den normalen Regeln des Journalismus zuwider, aber an der Stelle müssen die Regeln dann halt mal ausgesetzt werden!“ (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Werther-Effekt)

Mein Fazit:

Krieg und Bad News als Wirtschaftsfaktor, sowie die kulturelle Aufforderung zur Selbst-Optimierung fördern die Zunahme von Gewalt.

So lange man an schlechten Nachrichten und Krieg gut verdienen kann, ist es schwer die Zunahme von Gewalt zurückzudrängen

1932, also vor mehr als 80 Jahren, hat Albert Einstein aus Potsdam Sigmund Freud in Wien in einem Brief die Frage gestellt: „Gibt es einen Weg, die Menschen vor dem Verhängnis des Krieges zu befreien?“ Einstein dachte, Freud könne diese Frage von seinen „vertieften Kenntnissen des menschlichen Trieblebens aus beleuchten.“ Einstein vertraute darauf, dass Freud „auf Wege der Erziehung werde hinweisen können, … welche der psychologisch ungeübte wohl ahnt, … er aber nicht zu beurteilen vermag.“ Freud beantwortete die Frage „Warum Krieg“ eher pessimistisch. Er selbst bezeichnete es als realistisch. (Quelle: Albert Einstein, Sigmund Freud, Warum Krieg? Briefwechsel 1932)

Als ich mir heute Abend die Tagesschau ansah, nahm der Krieg in Syrien wieder einen größeren Raum in der Berichterstattung ein. Ich frage mich, warum es den Großmächten nicht gelingt, diesem Grauen ein Ende zu setzen? Die Antworten finden sich letztendlich wohl in politischen und vor allen Dingen wirtschaftlichen Interessen. Am Krieg wird immer noch zu viel verdient. Das gleiche gilt meiner Meinung auch für die Verbreitung von Bad News. Hinzu kommt die kulturelle Aufforderung, dass jeder Mensch sich selbst optimieren und dies der Welt zeigen sollte.

 

Weiterlesen?

Vom Guten im Schlechten – Oder: Warum lassen wir uns so viele schlechte Nachrichten gefallen? (WehrWolter – ww 9 – Hans Wolter)

Terroranschlag Berliner Breitscheidplatz: Verwundete Seelen brauchen Anteilnahme, Anerkennung und klare Worte, statt Floskeln. Deutsche Politiker und Bürokraten zeigen wenig Menschenkenntnis – Kritik an Angela Merkel (WehrWolter – ww 289 – Hans Wolter)

Terror & Stürme im September: Olympia-Attentat, Schleyer-Entführung, 09/11 – RAF bis IS-Terror heute– Hurrikan Irma und Gedanken zu menschlich gemachten Naturkatastrophen – (WehrWolter – ww 269 – Hans Wolter)

Wenn Menschen uns gewaltsam in ihren Albtraum ziehen – Druck und Möglichkeiten zur Selbstinszenierung wachsen auch auf der dunklen Seite – Amokflug 4U9525 – Germanwings/ Lufthansa – ein trauriger Jahrestag – (WehrWolter – ww 237 – Hans Wolter)

Messerattacke auf Altenaer Bürgermeister Andreas Hollstein – Impulsdurchbrüche sind nicht nationalitätengebunden – Die Verrohung in der öffentlichen Wahrnehmung verschiebt die Grenzen des sozialen Schutzschildes – Henriette Reker: „Hass und Gewalt sind keine Lösung, sie sind das Problem.“ (WehrWolter – ww 284 – Hans Wolter)

„Vom Zorn und seinen Früchten – Oder: Die Wurzeln der Gewalt… menschlicher Grausamkeit.“ – Sei es in Nizza, Orlando, Istanbul …oder … – Ein philosophischer GastBeitrag von Dr. Marc Hieronimus – Aus der Serie: Lichtwolf meets WehrWolter – (Marc Hieronimus – Hans Wolter – ww 171)

Wir sind Berlin. Wir sind verwundbar. – Anschlag auf unser Lebensmodell – Das Geschäft mit der Angst – Terror / Achtsamkeit – Trauer & Vertrauen – (WehrWolter – ww 215 – Hans Wolter)

Länderspiel abgesagt: Terror führt zu einem ZusammenRuck. – Die Absage des Freundschaftspiels Deutschland : Niederlande ist kein Zeichen von Schwäche. Die Entscheidung war klug! – Denn: „Wir sind Paris!“

Terror Titel

 

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