FC Bayern vs. Real Madrid – Fußball entzieht sich der Zahlen-Kontrolle. Wie Wetter, Börse & Psyche. Stimmungen, Glaube, Selbstbewusstsein und Glück entscheiden, auch auf dem Platz. Immer wieder neu. Champions-League-Halbfinale – (WehrWolter – ww 308 – Hans Wolter)

„Grau is alle Theorie – entscheidend is auf’m Platz.“ (Alfred Preisler, Fußballtrainer)

Heute kommt es wieder zu einem High Light für Fußballfreunde.  Im Champions-League-Halbfinale trifft der FC Bayern auf Real Madrid. Die einen sehen es als ein Duell zwischen den Trainern Jupp Heynckes und Zinédine Zidane, die anderen als einen Showdown der Torschützen Ronaldo und Lewandowski. Ich muss immer wieder schmunzeln, wenn alle möglichen Statistiken angeführt werden, um eine Vorhersage zu treffen, die häufig Objektivität oder gar Wissenschaftlichkeit suggerieren will. Realistisch muss man sagen, dass ein Fußballspiel in seinem Verlauf so komplex ist, dass fast jeder Ausgang möglich ist. Hier sind eher gegenwärtige Stimmungsdynamiken auf dem Platz entscheidend, als irgendwelche Zahlenspekulationen. So hatte 2014 Brasilien mehr Ballkontakte als Deutschland, aber die Tore der Deutschen fielen im Minutentakt bis zum Endergebnis von 7:1..

Der Mensch möchte das Leben gerne kontrollieren. Börse, Wetter und unsere Psyche, um nur einmal drei Phänomene aufzuführen, zeigen uns, dass viele Dinge erst im Nachhinein erklärt werden können. Dennoch gibt es den Wunsch nach Kontrolle, den er westliche Mensch gerne mit Zahlen verbindet. Die Zahlengläubigkeit hat oft schon magische Qualitäten in unseren hochtechnisierten Kulturen. Und das obwohl wir immer wieder vorgeführt bekommen, dass Kosten und Terminvorgaben für Opernhäuser oder Flughäfen eine scheinbar unberechenbare Eigendynamik entwickeln. Auch Angaben zu Spritverbrauch oder Abgaswerten sind deutlich weniger verlässlich, als wir das gerne glauben würden.

Überraschung, Spannung, Leidenschaft … schaun mer mal, was uns das Spiel um den golden Ball heute Abend bieten wird. Werden wir Zeuge einer immer wieder neuen und spontanen Mischung aus Körper-Seele-Geist-Gruppen-und-Individual-Dynamik. Nachfolgend noch einige Ideen zur Psycho-Logik der heute Abend Beteiligten und dem Faszinosum Fußball.

 

Nachfolgend noch etwas zu Ronaldo, Lewandowski, Heynkes und „Mut zur Führung“

 

Ronaldo Traumtor Titel

Der Fall-(Rückzieher) bringt es auf den Punkt – Cristiano Ronaldo: ein Teufelskerl trifft in den Himmel – alle jubilieren, sogar seine Gegner – der schmale Grat vom Unglück zum Glück – (WehrWolter – ww 304 – Hans Wolter)

Cristiano Ronaldo erzielt in Turin das schönste Tor seiner Karriere: ein perfekter Fallrückzieher. Bei vielen ist er ja als Selbstdarsteller verrufen, doch nach seinem unglaublichen Tor in der 64. Minute des Champions-League-Spiel zollten ihm sogar die Juventusfans Beifall. In diesem himmlischen Moment kommen Timing, Körperbeherrschung und Glück zusammen. Mir gefällt das Wort „Fallrückzieher“ so gut, weil sich hier sein Schicksal symbolisch auf den Punkt bringt. Eigentlich wäre er ja zu Beginn seines Lebensspiels fast durch-gefallen. Er war nicht aufgestellt. Doch er wurde nicht direkt weggeschickt, glaubte an sich und startete durch. ,

Cristiano machte es mit dem Ball. Anderen gelingt es über Musik, Technik oder Kunst. Mit viel Fleiß, Talent und einem unbeirrbaren Glauben an sich selbst, schaffte sich der aus armen Verhältnissen kommende portugiesische Junge nach und nach Über-Lebens-Qualität. Licht ist ohne Schatten nicht denkbar. Heute ist er 33 Jahre alt. Ich wünsche ihm einen weiteren glücklichen Weg. Auch jenseits des Rasens. Das wird noch schwer für ihn werden. Nachfolgend mach ich mir noch einige Gedanken zu Höhen und Tiefen seiner Karriere. Hierbei schau ich weniger auf den Ball, dafür umso mehr auf seine Seele.

 

 

Cristiano Ronaldo hat 2 von 3 Toren geschossen und das 3. vorbereitet

Über Cristiano Ronaldo, sein Leben und seine Psyche habe ich mir schon häufiger Gedanken gemacht. Nachfolgend zitiere ich eine Zusammenfassung von mir, um dieses Phänomen ein wenig weiter auszuleuchten.

Ronaldo Traumtor Kind

 

Viel Licht wirft starke Schatten: Ronaldo auf dem Olymp – „Auf Bergen ist früher Licht und Eis als unten“ (Jean Paul) – Von Vatersehnsucht, kontrollierter Schale und aufgewühltem Kern – (WehrWolter – ww 278 – Hans Wolter)

Ronaldo Titel

Cristiano Ronaldo ist zum fünften Mal zum weltbesten Fußballer gewählt worden. Der Prototyp eines starken, erfolgreichen Mannes. Er ist DER Fußballstar des 21. Jahrhundert. Rund um den Globus bewundern ihn Millionen Menschen für seine Ballkünste auf dem Rasen und die Frauen liegen ihm zu Füßen. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Wer genauer hinsieht erkennt, dass sein Leben nicht immer unbeschwert war und ist. Und das, obwohl er alles erreicht hat, wovon die meisten Menschen träumen.

Mehr als seine Pokale, scheint er an seinem kleinen Sohn zu hängen. Indem er selbst versucht ein guter Vater zu sein, wird er die große Leerstelle in seiner Seele zu füllen versuchen. In dem Dokumentarfilm „Ronaldo“ zeigt er auch seine verletzliche Seite. Er spricht darüber wie wichtig für ihn Familie ist und auch über seine Vatersehnsucht: „Ich habe meinen Vater nie richtig kennengelernt“.

Aber zunächst schauen wir noch einmal kurz auf die Sonnenseite des Weltfußballers, um dann einige Blicke in das bewegte, teils stürmische Auf-und-Ab eines Menschen zu werfen, der an der Oberfläche immer recht kontrolliert und professionell perfekt wirkt.

Wirklich spannend geht es bei der Wahl des weltbesten Fußballers schon lange nicht mehr zu. Seit 2008 heißt der Weltfußballer entweder Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo. In diesem Jahr hat der Portugiese von Real Madrid die Fifa-Wahl zum besten Fußballer der Welt 2017 gewonnen. Das wurde auf einer Gala des Fußballverbands in London bekanntgegeben.

Für Ronaldo ist die Auszeichnung der zweite Titel in Serie, der fünfte insgesamt. Dahinter folgten Messi vom FC Barcelona, der die Wahl bisher ebenfalls fünf Mal gewinnen konnte, und Paris‘ Stürmer Neymar. Mannschaftskapitäne und Trainer von Nationalteams sowie ausgewählte Journalisten und Fans durften bei der Wahl abstimmen. Der Brasilianer Kaká war im Jahr 2007 der letzte Gewinner, der nicht Messi oder Ronaldo hieß.

Cristiano Ronaldo macht mich auch traurig. Neben aller Bewunderung.

Der Superstar Cristiano Ronaldo ist für mich ein Ikarus, der aus schattigen Startbedingungen der Sonne erstaunlich nahe kommt. Vom Licht & Schatten des Narzissmus zum Segen gelungener Selbstliebe.

Der disziplinierte Ausnahmesportler macht häufig einen stabilen und recht kontrollierten Eindruck. Allerdings ist es in der letzten Zeit recht turbulent in seinem Leben geworden. Kündigt sich hier bereits ein Umbruch des atemberaubenden Höhenfluges an? Wie lange hält man es in der Sonne aus und vor allen Dingen: was passiert, wenn sie sich verdunkelt? Die Achterbahn des CR7 reichte in den letzten Wochen und Monaten von den Vorwürfen der Steuerhinterziehung über die Geburt seiner Zwillinge, den Spekulationen über eine Rückkehr nach England, der Sperre für fünf Ligaspiele bis zum Rekord-Fußballer Europas.

Wegen eines Schubsers gegen den Schiedsrichter Ricardo de Burgos Bengoetxea im spanischen Supercup (2016) war Ronaldo erst vom Platz gestellt und dann für fünf Spiele gesperrt worden. „Für mich ist das übertrieben und lächerlich“, schrieb der Sanktionierte bei Instagram: „Das nennt man Verfolgung.“

Verfolgt wird Ronaldo wohl auch bis auf Weiteres vom spanischen Fiskus, weil er Steuern in Millionenhöhe hinterzogen haben soll. Dass er nun ausgerechnet im Steuerparadies Monaco ausgezeichnet wurde, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Ronaldo gehört gewiss nicht zu meinen Lieblingsfußballern, aber auf eine gewisse Weise fasziniert er mich. Zugleich erlebe ich auch eine tiefe Traurigkeit. Daher hab ich mich schon mehrfach mit dem Werdegang dieser polarisierenden Persönlichkeit beschäftigt.

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Aufstieg vom Totgewünschten zum Fußballgott: Cristiano Ronaldo, ein Ikarus auf idealer Flughöhe: Wenig Liebe, aber viel erarbeitete Wertschätzung – Licht & Schatten des Narzissmus – Vom Segen gelungener Selbstliebe – (WehrWolter – ww 224 – Hans Wolter)

(11.01.2017)

Im Brennpunkt: Cristiano Ronaldo – Auch fehlende Liebe kann ein Motor sein – Die Sage vom schönen Narzissos, der sein wahres Selbst nicht kennt –Vom Drama des begabten Kindes und der Suche nach dem wahren Selbst – wie geht es eigentlich meinem inneren Kind? – Grandiosität und Depression haben ihre Wurzeln häufig in der Verleugnung von Traumata in der Kindheit. -Mangelnde Selbstliebe ermöglicht es auch nicht den Anderen zu lieben – Narzisstischer Missbrauch ist häufiger als sexueller – Respekt und Teilen wird hauptsächlich am Leben & Vorbild gelernt – Gesunder Narzissmus ist wichtig.

Zum vierten Mal bekommt Cristiano Ronaldo die Welt-Fußball-Krone. Der Portugiese setzte sich bei der Gala des Weltverbands gegen den Argentinier Lionel Messi und dem Franzosen Antoine Griezmann durch. Ronaldo hatte neben dem Sieg bei der EM, 2016 als Kapitän von Real Madrid auch die Champions League und die Club-WM gewonnen. Silvia Neid, die langjährige Trainerin der deutschen Nationalmannschaft, wurde als Welttrainerin ausgezeichnet.

 

 

 

 

Eine Frage der Ehre

Solche Auszeichnungen sind Zeichen der Wertschätzung. Die tun uns alle gut. Silvia Neid kenne ich zu wenig, als das ich sagen könnte, dass diese weltweite Anerkennung besonders gut ist. Da ich mich mit der Persönlichkeit Cristiano Ronaldo bereits intensiver auseinandergesetzt habe, sehe ich das bei ihm anders. Finanziell hat er eine solche Auszeichnung nicht nötig, obwohl es seinem Marktwert sicher auch gut tut. Finanziell wird ja auch ein Donald Trump es nicht nötig haben, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Da spielen tieferliegende Motive eine Rolle. Dabei geht es allerdings um Dinge, die wir uns letztlich nicht kaufen können. Einem frischverliebten Menschen kann es deutlich besser gehen. Wobei die Befriedigung die mit Macht einhergeht natürlich nicht zu unterschätzen ist. Darum strampeln sich ja die Winterkorns, Putins, Erdogans und Merkels dieser Welt ja bis ins hohe Alter weiter.

 

 

 

 

Märchen sind gegenwärtig

Von Ronaldo wissen wir, dass er zunächst einmal nicht geplant und auch nicht geliebt wurde. Als fünftes Kind war er zunächst lästig. In der von ihm autorisierten Filmbiographie sagt seine Mutter lachend, dass sie ihn damals eigentlich abreiben wollten. Auch Ronaldo selbst greift das noch mehrfach mit einem „Siehste Mama“ auf. Das hört sich an wie im Märchen von Hänsel und Gretel. Die Kinder werden im Wald ausgesetzt, weil die Familie nicht mehr genug zu essen hat. Cristiano Ronaldos Biographie wäre auch Stoff für ein Märchen. Vielleicht auch für so etwas wie den amerikanischen Traum. Der Weg vom ungewollten schmächtigen Jungen zum vierfachen Weltfußballer.

 

 

 

 

Bei Menschen die in unserer Kultur besonderes erreicht haben, finden wir häufig frühe Defiziterfahrungen. 

Spüren wir in der Kindheit, dass wir durch Leistung mehr und anders wahrgenommen werden, kann das entscheidende Weichen für unser Leben stellen. Anerkennung und Liebe sind oft der Motor dafür, dass wir Besonderes zu leisten versuchen. Dafür nehmen viele Sportler, Musiker, Wissenschaftler etc. nicht selten viele Anstrengungen und Verzicht in Kauf. Nicht selten schon in der frühen Kindheit. Eine Steffi Graf oder ein David Garrett wären uns wahrscheinlich nie aufgefallen, hätten sie nicht schon ganz früh in ihrem Leben viel trainiert. Unbeschwertes Kindsein blieb dabei teilweise auf der Strecke. Aber der wahre Luxus scheint ja zu sein: Geliebt zu werden, einfach dafür, dass man da ist. Gelassen und gefördert zu werden, weil unsere Eltern sich selbst und damit auch ihre Kinder lieben. Und das tröstet auch den kleinen Mann und die kleine Frau.

Wenden wir uns dem Phänomen am Beispiel Ronaldo noch einmal etwas genauer zu. Hierzu greife ich noch einmal meinen Beitrag vom Sommer letzten Jahres auf.

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Ich leiste, also liebt mich! – Was können wir von Cristiano Ronaldo lernen? –

Europas Fußballer des Jahres 2016 – Vom gesundem und ungesundem Narzissmus und dem „Drama des begabten Kindes“ (Miller) – Auch der Fußball Bundesligastart inszeniert wieder Dramen vom Stirb und Werde unserer ewigen Helden-Sehnsucht – (– ww 183 –)

(26.08.2016)

Spüren wir in der Kindheit, dass wir durch Leistung mehr und anders wahrgenommen werden, kann das entscheidende Weichen für unser Leben stellen. Anerkennung und Liebe sind oft der Motor dafür, dass wir Besonderes zu leisten versuchen. Dafür nehmen viele Sportler, Musiker, Wissenschaftler etc. nicht selten viele Anstrengungen und Verzicht in Kauf. Nicht selten schon in der frühen Kindheit. Eine Steffi Graf oder ein David Garrett wären uns wahrscheinlich nie aufgefallen, hätten sie nicht schon ganz früh in ihrem Leben viel trainiert. Unbeschwertes Kindsein blieb dabei teilweise auf der Strecke. Aber der wahre Luxus scheint ja zu sein: Geliebt zu werden, einfach dafür, dass man da ist. Gelassen und gefördert zu werden, weil unsere Eltern sich selbst und damit auch ihre Kinder lieben.

Kurzzusammenfassung:

  • Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst
  • Wie geht es dem inneren Kind des Erwachsenen?
  • Grandiosität und Depression haben ihre Wurzeln häufig in der Verleugnung von Traumata in der Kindheit.
  • Die Sage vom schönen Narzissos, der sein wahres Selbst nicht kennt
  • Mangelnde Selbstliebe ermöglicht es auch nicht den Anderen zu lieben
  • Narzisstischer Mißbrauch ist häufiger als sexueller Mißbrauch
  • Respekt und Teilen wird hauptsächlich am Leben & Vorbild gelernt
  • Gesunder Narzissmus ist wichtig
  • Cristiano Ronaldo – Auch fehlende Liebe kann ein Motor sein

Über herausragende Persönlichkeiten des Fußballs, wie Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo habe ich schon einiges geschrieben und auf meinem Blog veröffentlicht. Aktuell wurde Ronaldo erneut zum europäischen Fußballer Europas gewählt. Das nehme ich zum Anlass, an seiner, doch recht auffälligen Persönlichkeit, grundlegende Dinge zu Themen wie Leistung, Liebe, Narzissmus und Kindererziehung zu erörtern. Mir geht es weniger um eine Analyse der Persönlichkeit Ronaldo. Es ist eher der Versuch hieran einiges tiefenpsychologisch und psychoanalytisch zu beleuchten. Ronaldo polarisiert. Viele begegnen ihm aufgrund seiner Selbstinszenierung mit Verachtung. Viele schätzen seine konstante professionelle Leistung auf höchstem Niveau. Ich sehe ihn auch als eine tragische Figur. Tragisch insofern, dass er heute noch etwas ausagiert, was eigentlich aus seiner Kindheit kommt. Er wollte von seinen Eltern geliebt, von seinem Vater geachtet und gewertschätzt werden. Wenn ich heute seinen häufig beleidigten Gesichtsausdruck sehe, wenn er sich unfair behandelt erlebt, was häufiger tatsächlich auch der Fall ist, dann sehe ich darin die Wut und Enttäuschung des kleinen Jungens der eigentlich abgetrieben werden sollte. Darauf gehe ich später noch einmal deutlicher ein. Jetzt komme ich erst einmal zu dem, was ich daran auch aufzeigen möchte, da es nach meiner Einschätzung wichtig und allgemein relevant ist.  

 

 

 

 

 

„Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“

… titelte die Psychologin Alice Miller ihr Buch, das rasch zum Bestseller wurde. Miller kritisierte hier bereits in den 80er Jahren eine Erziehungskultur, die Kinder darauf trimmt, sich gegen elterliche Strafen und Einschränkungen nicht nur nicht zu wehren, sondern das erfahrene Leid zu verdrängen. Worin liegt das Drama? Begabte, also sensible, wache Kinder können schon früh Bedürfnisse ihrer Eltern spüren und sich ihnen anpassen. Dramatisch ist es deshalb, weil diese Kinder schon früh lernen, ihre intensivsten, aber unerwünschten Gefühle nicht zu fühlen. Auch wenn diese „verpönten“ Gefühle später nicht immer vermieden werden können, bleiben sie häufig denoch abgespalten, das heißt: Der vitalste Teil des wahren Selbst wird nicht gelebt, wird nicht in die Persönlichkeit integriert.

Alice Miller (1923 – 2010) studierte in Basel Philosophie und Soziologie. In Zürich beendete sie ihre Ausbildung zur Psychoanalyse. Sie arbeitete 20 Jahre in ihrem Beruf, widmete sich dann ganz dem Schreiben und veröffentlichte 13 Bücher. Heute wird sie in einigen Dingen durchaus kritisch gesehen, zählt aber nach wie vor noch zum Kreis der bekanntesten Psychoanalytikerinnen. Kritisch, um das kurz anzusprechen, wird heute gesehen, dass sie zum einen aus der Zeit der antiautoritären Erziehungsideale kommt, zum anderen, durch eine Veröffentlichung ihres Sohnes Martin Miller. Wie schon bei dem großen Pädagogen der Aufklärung, Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778), wurde deutlich, dass die Großen ihres Faches bei den eigenen Kindern auch eklatante Fehler machen können. Dennoch finde ich die Ansätze und Ausführungen von Alice Miller in ihren Grundzügen heute immer noch wichtig und aktuell relevant. Letztlich fasst sie natürlich auch Dinge zusammen, die bereits andere Kollegen aus Psychoanalyse und Pädagogik schon beschrieben haben.

 

 

 

 

 

Miller ergreift Partei für das „innere Kind“ im Erwachsenen

Miller stellte sich in ihrer Beschäftigung mit erwachsenen PatienInnen auf die Seite des Kindes im Erwachsenen. Sie versuchte vor allem zu verstehen, was ihm in seiner Kindheit angetan worden ist. Sie beschreibt, dass sich ihre Patienten als Kinder oft als böse, sündhaft, minderwertig und schuldig gefühlt haben. Diese Kinder haben die Verantwortung für die Erziehungspraktiken ihrer Eltern übernommen. Noch als Erwachsenen verleugnen und verdrängen sie alle erlittenen Verletzungen, schonen die Eltern und ringen immer noch um deren Liebe und Aufmerksamkeit. Das „Drama des begabten Kindes“ besteht darin, schon in der Kindheit von seinen Gefühlen abgeschnitten zu sein, sich selbst Schuld zuzuweisen und die Meinungen und die Moral seiner Eltern – was richtig und falsch sei – zu übernehmen. Miller sah sich als Anwalt des verletzen Kindes. Sie nahm ernst was ihre Patienten als Kinder erlebt haben.

„Du sollst nicht merken, dass wir unsere Konflikte auf deine Kosten, auf deinem Rücken austragen!“

In der Therapie wird versucht, die Möglichkeit wieder herzustellen, sich darüber bewusst zu werden, dass das Gebot aus der Kindheit war: „Du sollst nicht merken, dass wir unsere Konflikte auf deine Kosten, auf deinem Rücken austragen!“ Hierüber kann es gelingen mit diesen Verwundungen besser umzugehen und näher an sein „wahres Selbst“ heranzukommen.

Misshandlung, Missbrauch, Gefühllosigkeit und andere zahlreiche Kinderschicksale verursachen Erlebens- und Verhaltensweisen, die meist eine große Einschränkung der Lebensqualität im Erwachsenenalter darstellen. Darüber hinaus kann die Verdrängung der einst in der Kindheit erfahrenen Misshandlungen viele Menschen dazu treiben, das Leben anderer und das eigene zu zerstören. Aber Therapie kann allein die verlorene Kindheit nicht zurückgeben, Tatsachen nicht verändern und schon gar nicht Erlebtes rückgängig machen.

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Grandiosität und Depression haben ihre Wurzeln häufig in der Verleugnung von Traumata in der Kindheit.

Depression und das Gefühl von Grandiosität sind gewissermaßen die Spiegelbilder von den Schicksalen kindlicher Bedürfnisse.

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Die Sage vom schönen Narzissos, der sein wahres Selbst nicht kennt

Die Sage von Narzissos beschreibt die Tragik der narzisstischen Störung. Die Mutter von Narzissos ist sehr stolz auf ihren Sohn. Auch die Nymphe Echo hat sich in seine Schönheit verliebt. Die Nymphe wurde von den Göttern in der Weise bestraft, dass sie keine eigenen Worte sprechen, sondern nur wiederholen konnte, was die anderen sagten. Unser heutiger Begriff Echo weist noch darauf hin.

Die Rufe der Nymphe täuschten den jungen Narzissos. Als dieser auf einmal sein Spiegelbild im Fluss sieht, unterliegt er der gleichen Täuschung. Er sieht nur die Oberfläche, den vollkommenen, großartigen Teil von ihm, nicht aber seine innere Seite. Der Schatten, also seine Rückenseite, bleibt ihm verborgen. Das liegt daran, dass Narzissos sein wahres Selbst nicht kennt. Dies bleibt ausgeklammert. Der schöne Jüngling verleugnet sein wahres Selbst und wollte sich mit seinem Spiegelbild vereinigen. Dabei fällt er ins Wasser und ertrinkt. Später wachsen an der Stelle schöne Blumen aus dem Wasser. Wir nennen sie seitdem Narzissen.

Der Tod des Narzissos ist auf das falsche Selbst zurückzuführen. Es sind ja nicht nur die schönen und gefälligen Gefühle die uns am Leben erhalten und uns zur eigenen Persönlichkeit verhelfen. Die Tragik besteht also darin, dass Narzissos sich nicht wirklich lieben kann.

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Mangelnde Selbstliebe ermöglicht es auch nicht den Anderen zu lieben

Das Wort Narzissmus oder narzisstisch begegnet uns heute häufig. Der Begriff Narzissmus ist vielseitig. Er kann einen Zustand, ein Entwicklungsstadium, einen Charakterzug als auch eine Krankheit beschreiben. Im Alltag wird er häufig abwertend verwendet. Es wird dann davon gesprochen, dass einer „in sich verliebt“, „ständig mit sich beschäftigt“, „egozentrisch“, „zur Liebe nicht fähig“ und „egoistisch“ sei.

Narzisstischer Missbrauch

In der Therapie haben wir häufiger mit narzisstischem Missbrauch als mit sexuellem Mißbrauch zu tun.

Nach Miller kann ein Kind eine narzisstische Störung bekommen, wenn es die bewussten als die auch die unbewussten Wünsche der Eltern erfüllt und dabei immer wieder erlebt, dass es dann ein gutes Kind ist. Wenn dieses Kind sich allerdings weigert die fremden Wünsche zu erfüllen, weil es andere und zwar eigeneWünsche verfolgt, bezeichnen diese Eltern es rasch als egoistisch und rücksichtslos. Die Tragik besteht auch darin, dass diese Eltern fest daran glauben, das Richtige zu tun. Sie glauben, dass sie ihre Kinder erziehen müssen, weil sie verpflichtet seien ihnen bei der Sozialisation zu helfen. Was die Erwachsenen dabei nicht merken, ist, dass sie das Kind brauchen, damit es ihre egoistischen Wünsche erfüllt.

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Ein solches Kind wird sehr früh verzichten lernen, lange bevor ein echtes Teilen und ein wahrer Verzicht überhaupt möglich geworden sind. Diese Kinder müssen so handeln, denn sie können sich nicht leisten die Liebe der Eltern zu verlieren. Sie erleben sich abhängig von ihnen. Dürfen die Kinder allerdings lange genug egoistisch sein, so entwickeln sie in der Regel von selbst die Fähigkeit und Freude am Teilen und Geben. Dazu müssen sie von den Eltern nicht explizit erzogen werden.

Respekt und Teilen wird hauptsächlich am Leben & Vorbild gelernt

Die für die Bedürfnisse der Eltern erzogenen Kinder erleben die Freude am Teilen vielleicht nie. So sieht es auch mit dem Respekt aus. Hier muss nicht explizit erzogen werden. Es reicht, die Kinder selbst zu respektieren. Darauf werden die Kinder i.d.R. ebenfalls mit Respekt antworten. Wurde allerdings eine Mutter oder ein Vater seinerzeit von den eigenen Eltern früher nicht als das, was sie waren, ernstgenommen, werden diese bei ihren Kinder versuchen, sich mit Hilfe von Erziehung Respekt zu verschaffen.

Alice Miller schrieb ihr Buch „ Das Drama des begabten Kindes“ 1983, also in der Zeit der antiautoritären Erziehung. Erziehung hatte für sie sehr viel mit Manipulation zu tun. Das Kind sollte stattdessen möglichst frei sein und die Möglichkeit haben sich im Sinne Rousseaus entwickeln zu können. In der heutigen Gegenwart sieht man diese Thesen nicht mehr als uneingeschränkt gültig an. Wo ich Miller, aber auch vielen anderen Psychologen der psychoanalytischen Selbstpsychologie zustimme, ist die Wichtigkeit, dass wir Kinder unbedingt erst nehmen. Kinder müssen ihre Gefühle erleben dürfen. Hier gilt für mich der Satz: Beziehung ist wichtiger als Erziehung.

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Gesunder Narzissmus ist wichtig

Von gesundem Narzissmus sprechen wir, wenn der Mensch den wahren Zugang zu seinen Gefühlen lebt. Im Gegensatz dazu steht die narzisstische Störung, d.h. das wahre Selbst lebt isoliert und die echten Gefühle werden verdrängt und nicht gelebt.

Titelbild: Sebastian Bieniek’s „Doublefaced No. 73“, 11.06.2015

Jetzt greife ich noch einmal das Beispiel Christiano Ronaldo auf. Hierzu zitiere ich meinen Beitrag, den ich während der Fußball-EM 2016 geschrieben hatte.

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Cristiano Ronaldo – Auch fehlende Liebe kann ein Motor sein – Für einen reichen Armen eine Lanze brechen – Kleines Plädoyer für gute Selbstliebe – (– ww 167 –)

(30. Juni 2016)

„Heute bin ich glücklich, dass wir Dich nicht abgetrieben haben …“ sagte Ronaldos Mutter ihrem Cristiano vor laufender Kamera. Vor einigen Wochen sah ich den Film „RONALDO“. Regisseur Anthony Wonke begleitete den Fußballer ein Jahr lang und erhielt seltene Einblicke. Ich war gerührt, streckenweise erschüttert und im Umgang mit seinem fünfjährigen Sohn auch befremdet. 

Zugleich hielt sich meine seelische Mitbewegung in Grenzen. Wahrscheinlich weil das Ausmaß des dargestellten Leidens nur als nebensächlich rüber kommt und beim Hauptdarsteller – so meine Einschätzung – gefühlsmäßig noch nicht wirklich bewusst angekommen ist. Vielleicht ist es besser, weil unklar ist, ob er aus dem damit möglichen Absturz wieder auftauchen könnte. Zugleich ist diese Abwehrmauer auch dafür verantwortlich, dass er sich wahrscheinlich selbst nicht richtig lieben kann und von vielen Menschen auch nicht geliebt wird.

„Es gibt Leute, die mich lieben. Es gibt Leute, die mich hassen. Aber das ist Teil des Erfolgs. Ich wurde dazu erschaffen, der Beste zu sein.“ (CR7)

 

Der portugiesische Weltstar stellt sich in seinem Film als einen recht isolierten Menschen dar. Er selbst sieht dies dies offensichtlich als unproblematisch an. „Ich komme nach Hause und trenne mich komplett von der Welt. Ich weiß ja, dass ich am nächsten Tag wieder in diese Welt hineingedrängt werde.“

CR7 versus Floh

Bei Ronaldo ist wenig Wärme zu spüren. Das steckt ja schon in seinem selbstgewählten Kürzel CR7. Das klingt mehr wie ein Typ der Automarke Audi, weniger wie ein Mensch. Ganz anders bei seinem großen Gegenspieler in der spanischen Liga. Lionel Messi wird intern „Floh“ (spanisch: La Pulga) genannt, weil er schon immer klein und wendig war.

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Das Verbindende zwischen den beiden großen Männern der Fußballwelt ist eine schwierige Kindheit.

Messi, zu dem ich hier ja schon viele Beiträge geschrieben habe*, litt unter einer Wachstumsstörung. Durch eine vom FC Barcelona finanzierte Behandlung wuchs der damals 13 jährige 140 cm kleine Junge dann doch noch bis zur Marke 1.69. Von Messi geht etwas Sympathisches aus. Ihn können wir lieben. „Ich habe Messi nicht als Rivalen gesehen, sondern als Person, die mich zu einem besseren Spieler macht. Und umgekehrt“ – sagt Ronaldo. Er behauptet, dass sie hin und wieder miteinander sprechen würden.

Ronaldo hat gleich zwei gewaltig große Defizite in seiner Kindheit und Jugend.

Zunächst einmal sollte er als fünfter Sohn seiner portugiesischen Eltern Maria Dolores dos Santos Aveiro (* 1954) und José Dinis Aveiro (* 1954; † 2005) gar nicht zur Welt kommen. Seine Mutter sagt im Film, wie glücklich sie doch im Nachhinein sei, dass sie ihn damals doch nicht abgetrieben habe. Ronaldo selbst ruft seine Mutter nach großen Siegen auch an – zumindest wird dies im Film so gezeigt – und sagt ihr: „na Mutter, es ist doch gut, dass ich da bin!“ Dabei kommt im Film vielleicht so etwas wie ein leichtes Triumphgefühl rüber, aber nichts von Ärger, Wut oder Trauer. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass diese massive Wunde weder von ihm noch der Mutter adäquat gefühlt wird.

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Ronaldo Reagan: in der Namensgebung steckt schon das, wie wir ihn heute wahrnehmen

Das zweite große Defizit ist der faktische Wegfall seines alkoholkranken Vaters der nach langjährigen Alkoholexzessen im Alter von 51 Jahren starb. Ronaldo heißt Ronaldo, weil der damalige US-Präsident Ronald Reagan der Lieblingsschauspieler seines Vaters gewesen war. In dieser Namensgebung stecken für mich Anspruch und Distanz. Eigentlich steckt hier schon der Kern, wie wir CR7 heute wahrnehmen.

„Ich habe meinen Vater nicht wirklich kennengelernt. Ich wollte einen anderen Vater, der meine Erfolge anerkennt“,

erklärt er in einer Filmszene. Das Porträt des Vaters hat einen herausragenden Platz in Ronaldos schickem Esszimmer. Es weist für mich auf seine Vatersehnsucht und seine Trauer hin. Zugleich wirkt es, wie der Versuch, sich als Familienmenschen darzustellen. Besonders deutlich und in Ansätzen auch tragisch wird dies im Film an seinem kleinen Sohn deutlich.

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Ronaldo fordert immer wieder ein Küsschen von seinem Sohn

Der Fünfjährige ist der eigentliche Hauptdarsteller. Am 4. Juli 2010 gab Ronaldo via Facebook und Twitter bekannt, Vater eines Sohnes geworden zu sein und für diesen das alleinige Sorgerecht übernommen zu haben. Über die Identität der Mutter wahrte er Stillschweigen. Im Film wird deutlich, dass die Großmutter, also Ronaldos Mutter sich mit ihm das Kind teilt. Mir tun das Kind und auch Ronaldo leid. Bedrückend erlebe ich, dass sich Ronaldo von seiner Mutter nicht richtig lösen kann und die Mutter ihre gescheiterte Ehe nachzuleben versucht.

Hat Ronaldo sich selbst denn schon richtig kennengelernt?

Der Film ist in seiner gespielten Familien-Harmonie langweilig, weil er die eigentliche Tragik nicht aufgreift. Damit bleibt er genau so unnahbar, wie Ronaldo selbst.

Ronaldo wird als Familienmensch dargestellt, der zwar von der Mutter nicht gewollt war, aber nun als gefeiertes Oberhaupt fungiert: Den alkoholkranken Bruder unterstützt er beim Kampf gegen die Sucht, der Mutter fehlt es sowieso an fast gar nichts – nur der Ehemann verließ sie zu früh.

 

 

 

 

 

Der Film schafft es nicht einen zu packen. Er hat mir aber geholfen, Christiano besser zu verstehen.

Er scheint immer noch der Liebe nachzulaufen, die ihm in der Kindheit fehlte. Nach meiner Einschätzung hat er die Liebe noch nicht gefunden. Wahrscheinlich kann er sich selbst auch noch nicht tiefergehend lieben, da er Leistung zur Bedingung macht. Auch die Zuschauer lieben ihn ja eigentlich nicht. Sie zollen ihm Anerkennung aufgrund seiner Leistung. Es ist ja vielmehr so, dass er die Welt immer wieder versucht darauf hinzuweisen, dass er – verdammt noch mal – liebenswert ist. Wenn sein Sohn bald eigene Wege geht, wird er von ihm auch nicht mehr die bedingungslose Liebe bekommen, die er so sehr braucht.

Tragödien laufen auf ein Scheitern hinaus

Derzeit scheint Ronaldo seine Eigenliebe auf seinen Körper und seine Torquote verlagert zu haben. Jeder Narziss ist ja deshalb selbstverliebt, weil er nie den Glanz im Auge seiner Mutter, seines Vaters gespürt hat. Narziss in der griechischen Oviderzählung ertrinkt ja letztlich im eigenen Spiegelbild. Das steckt bei Ronaldo in der Feststellung:

„Ich werde nicht lügen: Wenn wir zwei oder drei Cristiano Ronaldos im Team hätten, würde ich mich besser fühlen. Haben wir aber nicht.“

Für mich stellt sich die große Frage, ob er nach seiner Karriere als Weltfußballstar einen Weg finden wird, auf dem er genügend Bestätigung und Zufriedenheit findet. Gut, er könnte Trainer werden. Aber hier vermute ich auf Dauer zu wenig soziale Kompetenz. Nimmt die weitere Entwicklung einen tragischen Verlauf nach antikem Vorbild oder findet Christiano Ronaldo den Ausstieg? – Ich würde es ihm gönnen.

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5 auf einen Streich! – Wirf den Helden in Deiner Seele nicht weg: Hast Du Deinen Lauf, eroberst Du die Welt!- In 9 Minuten überrennt Glücksritter Lewandowski die bis dahin guten Wölfe mit göttlichem Rückenwind. Bundesliga Rekord. – 0:5 – FC-Bayern gegen VFL Wolfsburg. – Für WehrWolter: Weltfußballer 2015. Zürich. FIFA. (WehrWolter – WW65 – Hans Wolter)

Nach 45 Minuten lagen die Bayern gegen Wolfsburg 0:1 hinten. Aber dann wurde Robert Lewandowski eingewechselt. Alles veränderte sich nach wenigen Minuten. Wolfsburg war gut, aber der „polnische Glücksritter“ überrannte sie einfach im Minutentakt. In nur 8.59 Minuten (!) schoss er alleine die Wölfe mit 5 Toren (!) ab – Bundesliga-Rekord.

Das stützt meine Thesen:

  1. Einzelne Menschen können die Welt verändern.
  2. Hoffnung & Selbstbewusstsein sind ausschlaggebend. Das Glück kommt dann obendrauf.

 Das nenne ich dann „göttlichen Rückenwind“. Gefällt mir besser als die Redewendung: „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen.“ Was auch noch passt: „Man muss das Eisen schmieden, so lange es heiß ist.

„Das logische Denken ist das Muster einer vollständigen Fiktion.“ (Nietzsche)

Solche Spielverläufe, wie unser 7:1 Sieg beim WM-Halbfinale über Brasilien, sind der Beweis, dass das ganze hohle Statistikgeblubber keine wirkliche Aussagekraft hat. Damit machen sich gerne viele Menschen wichtig. Viele glauben sogar selbst daran. Im Studium haben wir die immer „Nasenzähler“ genannt.

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Da halte ich es lieber mit unserem alten Philosophen Friedrich Nietzsche, der so kluge Dinge sagt, wie:

„Wirf den Helden in deiner Seele nicht weg. Halte heilig deine höchste Hoffnung.“

 

„Die Hoffnung ist eine viel größere Stimulierung des Lebens als irgendein Glück.“

 

„Man muss noch Chaos in sich haben,um einen tanzenden Stern erschaffen zu können.“

Hier noch mal ein kleiner Rückblick auf den FußballTraum

★ 26. Minute: Führung für Wolfsburg! Draxler rechts raus auf Caligiuri. Der nimmt mustergültig an, zieht Vollspann ab! 0:1

★ 39. Minute: Was macht Neuer? Der Torwart rauscht an der Mittellinie (!) am Ball vorbei. Aber Guilavogui trifft aus 55 Metern nur den Pfosten des leeren Bayern-Tors.

★ 51. Minute: Ausgleich! Dante spitzelt Müller nach einer tollen Bayern-Kombination den Ball vom Fuß. Der Ball landet bei Lewandowski, der einfach einschiebt.

★ 52. Minute: Doppelschlag! Lewandowski kommt zwanzig Meter vor dem Tor an den Ball, zieht flach ab. Die Kugel zischt ins linke Eck – Spiel gedreht!

★ 55. Minute: Wieder Lewandowski! Götze schiebt quer auf den Polen. Der braucht drei Versuche, aber er stochert den Ball schließlich über die Linie. 3:1!

★ 57. Minute: Einfach nur ohne Worte! Costa flankt von links. Von hinten kommt – natürlich – Lewandowski. Ab damit unter die Latte. Unfassbar!

★ 60. Minute: WAHNSINN! Götze über rechts, Lewandowski setzt aus 15 Metern zum Seitfallzieher an. Selbstverständlich geht auch der rein! FÜNF zu EINS!

★ 69. Minute: Fast das sechste! Wieder geht es über links, wieder kommt Lewandowski frei zum Schuss. Diesmal kratzt Rodriguez den Ball von der Linie.

Am 14.09.2015 habe ich mir hierzu schon einmal folgende Gedanken gemacht:

Sich selbst zu (er)finden, verleiht Flügel. – Mal hast Du einen Lauf … mal hast Du Scheiße am Schuh. Entscheidend ist die Psyche. – Das gilt nicht nur im Fußball, der Bundesliga oder der Champions-League. – Das gilt auch in Deinem Alltag.

Wir sollten dafür sorgen, im guten Kontakt mit uns selbst zu sein und fliegen grundsätzlich für möglich zu halten.

Im Bild des Fußballs lässt sich viel veranschaulichen. Hier können auch NichtBallInteressierte etwas lernen. – Der Ball rollt manchmal komisch. Nehmen wir mal Borussia Mönchengladbach: Ligadritter in der letzten Saison und Champions-League-Debütant gewinnt auf einmal kein Spiel mehr und ist heute auf dem letzten Platz der Liga. In der letzten Saison ist es der anderen Borussia ähnlich ergangen. – „Meine Mannschaft“, der 1. FC-Köln ist dagegen gut in die neue Saison gestartet. Aber auf einmal verlieren sie gegen Eintracht Frankfurt 6:2. Köln hat eigentlich in letzter Zeit eine recht solide Abwehr. Wieso kassieren wir auf einmal 4 Tore in 30 Minuten? Der FC-Coach Peter Stöger meint: „Frankfurt hat Fehlerquellen bei uns gefunden“. Dann lese ich in den Medien, dass Marcel Daum, der Sohn von Christoph Daum, als Video-Analyst die Schwächen des FC erkannt und die Eintracht in der Halbzeit entsprechend informiert habe. Ehrlich gesagt, halte ich das für Quatsch!

Aufbau des Egos – Abbau des Egos

Nach meiner Einschätzung ist nicht die Analyse des Gegners entscheidend für den Sieg einer Mannschaft. Ich denke, wenn es einer Mannschaft gelingt ein unverhofftes, möglichst frühes Tor zu schießen, dann kann das verschiedene Konsequenzen haben. Der Torschütze und seine Mannschaft werden selbstbewusster. Die beschossene Mannschaft kann darauf zunächst irritiert reagieren und dann schnell zunehmend unsicherer werden. Auf der einen Seite baut sich ein Ego auf, auf der anderen Seite kann sich das Gefühl der Selbstwirksamkeit abbauen. ,

Häufig geht der Auftakt auch von einem Einzelnen aus. Bei Eintracht Frankfurt war das Alex Meier. Er kehrte nach monatelanger Pause in diesem Spiel in die Startelf der Frankfurter zurück. Ihm gelang nach nur 4 Minuten das erste Tor. Im weiteren Verlauf schoss er insgesamt 3 Tore. Er hatte einen Lauf. Ist das der Fall, gelingt auf einmal so gut wie alles. Der Funke sprang rasch auf die gesamte Hessen-Mannschaft über, so dass es nur 11 Minuten brauchte, bis der Ball wieder im Kölner Netzt zappelte. Die Kölner kämpften bis zum Schluss, schossen auch 2 Tore, aber viele Dinge, die sonst gelangen klappten nicht mehr.

Deutschland im 7-auf-einen-Streich-Rausch : Brasilien in der Schockstarre

Noch eindrucksvoller war das Spiel unserer Deutschen Nationalmannschaft bei der letzten WM 2014 gegen die Brasilianer. Als bis dahin höchste Niederlage im Halbfinale einer Fußballweltmeisterschaft erhielt es in Brasilien den Beinamen Mineiraco, sinngemäß etwa „Schock von Mineirão“. Deutschland hatte bis dahin in 21 Länderspielen nur viermal gegen Brasilien gewonnen.

FußballPsy

Brasilien begann zunächst sehr druckvoll und drängte die deutsche Mannschaft durch aggressives Pressing in den Strafraum. Bereits nach zwei Minuten hatten sie die erste Torchance. Der DFB-Elf gelang es diese anfängliche Druckphase torlos zu überstehen. Dann gelang Thomas Müller in der 11. Minute der Führungstreffer. Brasilien intensivierte daraufhin ihre Offensivbemühungen. Aber der Schreck des ersten Tores führte beim fünffachen Weltmeister zu zahlreichen Fehlpässen und überhasteten Abschlüssen. Als Klose in der 23 Minute das 0:2 gelang, brachen die brasilianischen Profis förmlich in sich zusammen. Die deutschen Spieler kamen hingegen in einen unglaublichen, rauschhaften Lauf. Innerhalb der nächsten sechs Minuten gelangen ihnen so drei weitere Tore. In der zweiten Halbzeit kam Schürle für Klose. Er war kaum auf den Platz, schon schoss er zwei weitere Tore. Brasilien gelang erst in der Schlussminute das erste und einzige südamerikanische Tor.

Erbsenzähler und Spielstatistiken sind etwas für zahlengläubige Langweiler. Wirklich erklären können sie nix.

 

Natürlich kann man im Nachhinein hier Vieles analysieren. Aber was sagen die ganzen Spielstatistiken wirklich aus? Die Zahlengläubigkeit ist immer noch recht hoch in Deutschland, aber eigentlich eher irreführend als erhellend. Nicht nur beim Fußball. Dieses Spiel wurde wie viele andere Partien psychisch entschieden. Das Selbstbewusstsein eines oder mehrerer Spieler überträgt sich nach und nach auf die Mannschaft. Hier entwickelt sich so etwas wie die Gestalt der Überlegenheit. Gelingt der anderen Mannschaft ein selbstbewusstes Gegenhalten, kann das Spiel spannend werden. Baut aber eine Mannschaft, häufig nach einem unverhofft kassierten Tor, im Selbstbewusstsein ab. Dann „klebt auf einmal Scheiße am Schuh“. Den einen gelingt nichts mehr, den anderen zunehmend alles.

In diesen Verläufen sind starke Persönlichkeiten gefragt. Beim Fußball nennt man sie „Führungsspieler“. Solche Dynamiken gibt es nicht nur im Sport. Es gibt sie auch in der Politik, Forschung, Musik und vielen sozialen Kontexten. Schon in der David-Goliath-Geschichte konnte nicht der Stärkere, sondern der Entschlossenere gewinnen.

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David gewinnt gegen Goliath, weil er „einen Lauf“ hat.

In einer entscheidenden Schlacht standen sich die Philister und die Israeliten gegenüber. Aus den Reihen der Philister trat der Riese Goliath hervor. Dieser forderte die Israeliten auf, einen ihrer Männer zu schicken, der gegen ihn kämpfen sollte. Wenn dieser gewinnt, wollten die Philister in den Dienst der Israeliten treten, siegt aber Goliath, so sollen die Israeliten ihre Knechte werden. Jeder wer den Riesen sah, ergriff die Flucht.

Der israelische König Saul versprach demjenigen, der Goliath besiegt, unendlichen Reichtum und die Hand seiner Tochter. Der junge David erklärte sich dazu bereit gegen den Philister anzutreten. Ohne ein Schwertging er auf den Riesen zu. Nur mit einem Sack voll Steine bewaffnet. Mit der Steinschleuder schoss er den Stein genau auf die Stirn Goliaths, so dass dieser tot zu Boden fiel. Als die Philister sahen, dass ihr Stärkster gefallen war, wollten sie vor den Israeliten fliehen. Doch diese kannten keine Gnade. Sie töteten die meisten ihrer Gegner und plünderten deren Lager.

Fußballtrainer können Davide aufbauen

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Die Dortmunder sind mit ihrem neuen Trainer Thomas Tuchel wieder in den Lauf gekommen. Im siebten Jahr des charismatischen Trainers Klopp, ereignete sich in seiner Psyche offenbar eine Veränderung. Über einige Jahre hat er junge, verhältnismäßig unbekannte Männer zu Daviden aufgebaut. Für den Erfolg des BVB war nicht das Geld, sondern das Charisma des Jürgen Klopps verantwortlich. Er formte eine selbstbewusste und spielfreudige Siegertruppe. Während die Bayern viel Geld investierten, um sich die besten Spieler zu kaufen, baute Kloppo in Dortmund wenig bekannte Spieler psychologisch auf. So holten sie sich auch folgerichtig 2012 das Double, indem sie die Bayern in Berlin wegputzten.

BVB-Gala im Pokalfinale gegen Bayern: Mia san Dortmund!

„Welch ein Spektakel! Borussia Dortmund hat den FC Bayern im Pokalfinale gedemütigt und erstmals das Double perfekt gemacht. Überragender Mann war Robert Lewandowski, der drei Tore schoss. Für die Bayern war es die fünfte Pleite gegen den BVB in Serie.

Die Kräfteverhältnisse im deutschen Fußball geraten ins Wanken: In beeindruckender Manier hat Borussia Dortmund das DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern 5:2 (3:1) gewonnen und das Double perfekt gemacht. Vor allem aber hat der BVB den Rekordmeister ein weiteres Mal gedemütigt, ihn zum fünften Mal in Serie besiegt.

Shinji Kagawa (3. Minute) hatte den BVB früh in Führung gebracht, Arjen Robben (25.) glich wenig später per Elfmeter aus. Noch vor der Pause entschied Dortmund die Partie mit einem Doppelschlag durch Mats Hummels (41./Elfmeter) und Robert Lewandowski (45+1.). Nach dem Seitenwechsel traf der polnische Stürmer noch zweimal (58./81.), zwischenzeitlich hatte Franck Ribéry (75.) verkürzt.“ (Spiegel Online, Nils Lehnebach)

Dortmund's striker Marco Reus celebrates scoring during the German first division Bundesliga football match Borussia Dortmund vs Borussia Moenchengladbach in Dortmund, western Germany, on August 15, 2015. AFP PHOTO / PATRIK STOLLARZ RESTRICTIONS: DURING MATCH TIME: DFL RULES TO LIMIT THE ONLINE USAGE TO 15 PICTURES PER MATCH AND FORBID IMAGE SEQUENCES TO SIMULATE VIDEO. == RESTRICTED TO EDITORIAL USE == FOR FURTHER QUERIES PLEASE CONTACT DFL DIRECTLY AT + 49 69 650050.

Fazit: Sich selbst zu (er)finden, verleiht Flügel.

Geld schießt Gott sei Dank keine Tore. Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten. Emotionale, teils unbewusste Kräfte sind entscheidend. So wie im Zusammenspiel von Psyche und Alltag

Wir sollten dafür sorgen, im guten Kontakt mit uns selbst zu sein und fliegen grundsätzlich für möglich zu halten.

 

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Dipl.-Psych. Hans Wolter (www.HansWolter.com)

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